Romane
Sein letztes Halali
Toño Azpilcuetas Leben plätschert beruflich wie privat recht ereignislos vor sich hin. Mit seiner Ehefrau verbindet ihn eine Zweckgemeinschaft, verliebt ist er jedoch in die unerreichbare Sängerin Cecilia Barraza. Beruflich war ihm an der Hochschule eine Karriere geebnet worden, doch äußere Einflüsse verhinderten es, dass er diesen Weg beschreiten konnte. Seine Leidenschaft gilt der peruanischen Musik, hierin geht Toño auf und findet seine Erfüllung. Mit einer Besessenheit hat er zeit seines Lebens die ganze Geschichte und die Protagonisten dieses Musikstils erforscht. Als ihm nun ein Freund den Hinweis gibt, dass ein begnadeter Gitarrist namens Lalo Molfino einen Auftritt in der Stadt habe, folgt Toño diesem Ruf. Und tatsächlich haben selbst Toños Ohren noch nie einem solch talentierten Vertreter der peruanischen Musik gelauscht. Toño ist hin und weg von Lalos Kunstfertigkeit und will mehr davon fühlen.
Doch dazu wird es nicht kommen, denn direkt nach diesem Auftritt begibt sich Lalo auf eine Tournee ins Ausland, von der er nicht lebend zurückkehren wird. Toño verfällt nach dem Erhalt dieser Nachricht nur kurz in Schockstarre, bevor er sich auf den Weg macht, Lalos Wurzeln zu erkunden. Schnell reift auch der Plan in ihm, ein Buch zu schreiben. Ein Buch über Lalo, die peruanische Musik und über alles, was damit zusammenhängt. Glücklicherweise findet er Unterstützer bei Freunden und seiner Frau, die ihm dieses "Herzensprojekt" ermöglichen. Toño stürzt sich hinein in das peruanische Leben, findet den abstoßenden Ort, an dem Lalo seine erste Atemzüge und Gitarrengriffe getätigt hat. Doch bereitet ihm es arge Probleme, sein Buch auf die Zielgerade zu führen, denn immer wieder stößt er auf neue Zusammenhänge oder noch nicht verarbeitete Erkenntnisse, die unbedingt in seinem Werk Berücksichtigung finden müssen.
"Die große Versuchung" lautet der Titel des neuesten und offensichtlich auch letzten Romans aus der Feder des großen Mario Vargas Llosa. Der Peruaner erlebte als Schriftsteller seine Krönung sicherlich im Jahre 2010, als ihm für sein Lebenswerk der Literatur-Nobelpreis verliehen wurde. Ende der fünfziger Jahre war sein erstes Werk erschienen. Es folgten in den Sechzigern und Siebzigern viele Romane, die auch heute noch die Regale in den Buchläden der Welt füllen. Mitte der achtziger Jahre begann der heimatverbundene Schriftsteller eine politische Karriere mit dem Ziel, bei der Wahl 1990 das peruanische Präsidentenamt einzunehmen. Daran scheiterte Vargas Llosa zwar, doch seine Karriere als Schriftsteller führte ihn bis auf den Olymp. Er gehört zweifelsohne zu den größten Schriftsteller des Erdballs und gilt als die literarische Stimme Südamerikas.
Doch auch ein Mario Vargas Llosa wird nicht jünger, strammen Schrittes marschiert er auf die 90 zu. In diesem Frühjahr feierte er bereits seinen 88. Geburtstag. Daher verwundert es auch nicht, dass im Zuge der vorliegenden Neuerscheinung dieses Buch als "sein letztes Buch" beworben wurde. Eigentlich hat Vargas Llosa bereits über alles geschrieben, alles wäre gesagt. Doch nun kommt er mit einer Herzensangelegenheit daher, denn genau wie Toño Azpilcueta liebt der Schriftsteller die peruanische Musik und Peru über alles. Wenn er seinen Protagonisten über diesen Musikstil und alles, was damit erklärbar wird, schreiben lässt, dann blitzen hier und da autobiographische Züge durch. Doch ist "Die große Versuchung" trotz der großen Dimensionen, die es ankündigt, gerade einmal dreihundert Seiten lang. Darin erzählt der Autor im steten Wechsel zum einen die Geschichte Toños und zum anderen historische Begebenheiten mit starkem peruanischen und musikalischen Bezug.
Dieser Mix im Erzählstil macht es einem als mitteleuropäischem Leser nicht leicht. Denn wenn man einmal Eingang in die Geschichte Toños gefunden hat, kommen aus dem Nichts neue Namen und Zusammenhänge daher, bei denen man nicht genau weiß, ob diese im weiteren Verlauf des Buchs noch einmal Relevanz haben werden. Auch die detaillierten und mitunter feinsinnigen Auseinandersetzungen mit spezifischen peruanischen Begrifflichkeiten sind für Leser hierzulande nicht unbedingt allzu erquicklich und mit signifikantem Mehrwert versehen. Ein großer Schriftsteller schließt mit "Die große Versuchung" offensichtlich das Buch seines Lebenswerks. Doch wer in den wahren Genuss dieses genialen Autors kommen möchte, der versuche sich doch besser an früheren Werken, die weit mehr Lesefreude generieren als sein letztes Buch. Für die Liebhaber von Mario Vargas Llosa ist "Die große Versuchung" natürlich ein absolutes Muss, das nach Jahrzehnten vorzüglicher Unterhaltung einen Schlussstrich zieht.
Christoph Mahnel
09.09.2024
