Romane

Literatur, so berauschend, dass einem ganz schwindelig wird

In einer Zeit, als Europa noch weit davon entfernt war, Liebe als Gefühl zu erfinden, schrieb im fernen Indien ein bis heute nahezu unbekannter Autor das erste Lehrbuch der Liebe: das Kamasutra. Liebe war keineswegs eine theoretische oder bloß innere Angelegenheit des Herzens. Liebe bedeutet im eigentlichen Sinne Lieben, Lieben heißt Begehren und vor allem Liebe machen, und wie jede körperliche Aktivität erfordert dies Anleitung und Übung. Der Mensch ist nach alter hinduistischer Vorstellung auf dem Weg der Vervollkommnung, wenn sein Körper zum erfahrenen und daher wohlklingenden Instrument des Begehrens und der Lust geworden ist. Davon erzählt "Kamasutra oder die Kunst des Begehrens" mitreißend, lebendig und in betörend-schönster Form.

Kakars Roman führt uns in das Goldene Zeitalter Indiens, in eine Welt, in der die Sinnlichkeit ein elementarer und notwendiger Teil menschlicher Erfahrung war. "Sündig" wurden allenfalls diejenigen, die Lust und Liebe voneinander trennten. Der Roman, der den verschlungenen Lebensweg Vatsyayanas - des Autors des berühmten Liebeslehrbuchs - erzählt, erweckt die historischen Protagonisten des Kamasutras und ihr verstörendes Universum zum Leben; aber vielleicht muss man dieses Buch nicht nur als Zeitreise in die Vergangenheit lesen, sondern als ein utopisches Gemälde von lustvoller Körperlichkeit und als einen Entwurf, wie künftig ein anderes, sinnlich bewussteres Liebesleben aussehen könnte. Das Ergebnis: eine Lektüre auf höchstem Niveau!

Prosa, die den ganzen Körper zum Kribbeln bringt - genau das bekommt man mit "Kamasutra oder die Kunst des Begehrens" von Sudhir Kakar in die Hände. Dieser Roman vereint prickelndste sinnliche Erotik und fesselnde Unterhaltung auf grandiose Art und Weise. Davon wird einem gleich ab dem ersten Satz ganz schwindelig. Der Schriftsteller, darüber hinaus Indiens hervorragendster Psychoanalytiker, widmet sich dem Thema "Lust und Begierde" so einfühlsam, dass es echt beeindruckend ist, sogar dem Leser den Atem verschlägt. Kakar kann schreiben. Sein Können zieht einen in den Bann, löst bei einem Gänsehaut vom Scheitel bis zur Sohle aus. Was für ein Vergnügen, seine Geschichten zu lesen. Fast schon wie eine Verführung aus dem Garten Eden.

Wie sinnlich, geradezu erregend Literatur sein kann, zeigt Autor Sudhir Kakar dem Leser mit seinem Roman "Kamasutra oder die Kunst des Begehrens". Nicht nur für die männliche Libido ist diese Lektüre Pflicht. Beiden Geschlechtern wird das vorliegende Buch einer Offenbarung über die Liebe und Sexualität gleichkommen. Kurzum: Genuss pur für alle Sinne!

Susann Fleischer 
04.10.2022

 
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Das Buch:

Sudhir Kakar: Kamasutra oder die Kunst des Begehrens. Aus dem Englischen von Nathalie Lemmens

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Mnchen: Verlag C.H.Beck 2004, 4. Auflage 358 S., 22,50 ISBN: 978-3-406-44953-6

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