Romane

Ein Gedankenexperiment mit fatalen Folgen

Akira Kido lebt in Yokohama, ist Ende dreißig, Vater eines vierjährigen Sohnes, Ehemann und Scheidungsanwalt. Er hadert mit seinem Leben, seiner Ehe, alles erscheint ihm festgefahren und falsch. Da wird er von der Witwe Rei aufgesucht und um Ermittlungen zu ihrem kürzlich verstorbenen Ehemann Daisuke gebeten. Ein Jahr nach dessen Tod stellte sie fest, dass Daisukes Identität auf einer Lüge basierte: sein Name, seine Vergangenheit, seine Personalakte - alles gefälscht; Daisuke war nicht derjenige, der er vorgab zu sein. Er hatte den Namen lediglich angenommen, wichtige Stationen aus "seinem" Leben auswendig gelernt. Doch zu welchem Zweck? Wer war dieser Mann mit dem Rei mehr als drei Jahre glücklich verheiratet war und eine gemeinsame Tochter hat? Was verheimlichte er?

Kido beginnt mit den Recherchen und findet sich schon bald vor den Abgründe der jüngeren koreanisch-japanischen Geschichte wieder. Der Anwalt deckt ein komplexes System von Identitätstausch auf. Bis er schließlich selbst von der Idee verführt wird, sich das Leben eines anderen Mannes anzueignen, um dem eigenen Schicksal zu entgehen. Kido treibt ein Gedankenspiel. Er stellt sich viele Fragen, unter anderem: Kann man wirklich Identitäten tauschen? In Japan hat man ein Familienregister, eine Art Mittelding zwischen Stammbaum und Schufa-Auskunft. Wenn man das weitergibt, ist man offiziell nicht mehr vorhanden. Warum sollte man das tun? Können Menschen tatsächlich ein neues Leben anfangen, indem sie behaupten, jemand anderes zu sein? Ist das dann ein wirkliches Leben?

Was geschieht, wenn wir mit einer anderen Person die Identität tauschen? Wie liebt man, wie lebt man in der Lüge? Keiichiro Hirano, der große, bisher unübersetzte Gegenwartsautor Japans, schreibt in einem raffinierten literarischen Spiel über eine scheinbar ganz normale japanische Familie und über das fatale Verlangen, das Leben eines Anderen zu führen.

Literatur, die alles ist, aber ganz sicher nicht nullachtfünfzehn, sondern vielmehr ein Juwel, so wertvoll wie ein Schatz - Autor Keiichiro Hirano ist ein brillanter Geschichtenerzähler. Er lässt den Leser tief in das Seelenleben seiner Protagonisten blicken. Da kann man bei der Lektüre seiner Romane kaum anders, als mit den Figuren mit zu lachen, mit zu weinen und mit zu leiden. "Das Leben eines Anderen" wirft einen ab dem ersten Satz in ein Wechselbad der Gefühle. 360 Buchseiten lang unternimmt man eine besonders emotionale und rasante Achterbahnfahrt. Und man ist ganz enttäuscht, wenn diese nach wenigen Stunden ein viel zu schnelles Ende hat. Also: mehr, unbedingt viel mehr aus der Feder des japanischen Meistererzählers auf dem deutschsprachigen Buchmarkt!

Will man wissen, wie Japaner wirklich ticken, für den sind die Werke von Keiichiro Hirano die reinste Fundgrube. Bei der Lektüre von "Das Leben eines Anderen" erfährt man einiges über die Kultur und Denkweise des ostasiatischen Landes. Was man hier in die Hände bekommt, ist Unterhaltung auf höchstem Niveau: ruhig, psychologisch und philosophisch. Immer wieder werden scheinbar unspektakuläre Begegnungen und Alltagssituationen geschildert. Schön sind die philosophischen Überlegungen, die eigestreut werden. Die Rahmenhandlung ist durchaus spannend. Kurzum: ein empfehlenswertes Buch!

Susann Fleischer 
04.07.2022

 
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Das Buch:

Keiichiro Hirano: Das Leben eines Anderen. Aus dem Japanischen von Nora Bierich

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Berlin: Suhrkamp Verlag 2022 360 S., 25,00 ISBN: 978-3-518-43055-2

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