Romane

Das Browser-Fenster zum Hof

Für einen Hungerlohn muss die alleinerziehende junge Mutter Tiff allnächtlich öde Klickwork-Aufgaben für die Plattform "Automa" ausführen, da sie wegen einer Angststörung aus einem früheren Online-Job die eigenen vier Wände kaum mehr verlassen kann. Nachts wird sie in ihrem Kopf mit Bildern von toten Katzen, zerquetschten Hamstern, gequälten Kindern, Blut, Tod und Folter und viel zu vielen mit Benzin in Brand gesteckten Dingen gequält. Sohn Leon ist Tiffs einziger Lichtblick im Leben. Dank ihm schafft es Tiff zumindest einigermaßen, ihre inneren Dämonen in Schach zu halten. Aber für wie lange noch? Dass man diese prekäre Arbeit als teure Überwachungsleistung einer Künstlichen Intelligenz an Kunden in der ganzen Welt verkauft, realisiert sie erst im ganzen Ausmaß, als sie über ihr Browser-Fenster ein Verbrechen miterlebt, aber niemandem davon erzählen darf.

In einem Forum, in dem Tiff und Kollegen sich verbotenerweise austauschen, wird gerätselt, was an Lagerhallen schützenswert ist, wenn auf den Bildern nie etwas zu sehen ist. Als Tiff auf einer Aufnahme einen Obdachlosen mit Hund entdeckt, weckt sie das aus der Ödnis ihrer Tätigkeit. Der Mann liest seinem Hund aus einem Buch vor. Kurz darauf erscheint nur noch der Hund, offensichtlich auf der Suche nach seinem Herrchen. Tiff und die Forenmitglieder würden am liebsten den Ort ermitteln und das Schicksal des Verschwundenen aufklären. Ein privates Interesse an ihren "Objekten" verbieten Arbeitsvertrag und Verschwiegenheitserklärung bei "Automaton" jedoch. Dennoch: Tiff beschließt, den Dingen auf den Grund zu gehen, und gerät in eine Geschichte, die sie bis nach Kalifornien führt und die Schicksale einander völlig fremder Menschen miteinander verbindet ...

Unterhaltung, die zu toppen (fast) unmöglich ist - will man etwas ganz Besonderes, etwas besonders Grandioses lesen, sollte man zu einem Buch aus Berit Glanz' Feder greifen. Unbedingt! Gleich ab dem ersten Satz von "Automaton" verschlägt es einem den Atem, außerdem die Sprache. Denn die deutsche Autorin ist ein Talent, das seinesgleichen sucht. Ihr Schreibkönnen entlockt einem ein lautes "Wow, wow, wow!" nach dem anderen. Und es macht den Leser ganz schwindelig. Der Leser taucht tief in die Psyche von Protagonistin Tiff und entwickelt unvergleichliches Mitgefühl für sie. So mancher erkennt sich sogar in Teilen in ihren Lebensumständen wieder. Das hat Seltenheit im Bücherregal! Ähnlich wie Glanz' Schreibkönnen. Es gibt Schriftsteller wie Sand am Meer, aber eine wie von Glanz' Genius ist so rar wie einer der berühmten Paradiesstrände. Mehr noch: ein Juwel!

Während der Lektüre von Berit Glanz' Geschichten läuft einem ein angenehmer Schauer den Rücken rauf und runter. Denn diese Spannung, aber auch Erzählkunst auf höchstem Niveau; und beides vom ersten bis zum letzten Satz. "Automaton" liest man mit größter Begeisterung und bekommt über solch ein Lektürehighlight von der Welt um sich herum nichts mehr mit. Was man hier in die Hände bekommt, ist 1a-Literatur mit enorm hohem Suchtfaktor. Einfach nur der absolute Wahnsinn!

Susann Fleischer 
25.04.2022

 
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Das Buch:

Berit Glanz: Automaton

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Berlin: Berlin Verlag 2022 288 S., 22,00 ISBN: 978-3-8270-1438-2

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