Romane

Die meisterhafte Erzhlung einer Naturkatastrophe - und wie sie sich einschreibt ins Gedchtnis der Menschen

Im Mai und im September 1976 erschüttern zwei schwere Erdbeben eine Landschaft und ihre Bevölkerung im nordöstlichen Italien. Das Epizentrum des Bebens liegt nördlich von Udine am Monte San Simeone in den Gemeinden Trasaghis und Bordano. An die tausend Menschen sterben unter den Trümmern, Zehntausende sind ohne Obdach, viele werden ihre Heimat, das Friaul, für immer verlassen. Die Materialverschiebungen infolge der Beben sind gewaltig, sie bilden neues Gelände, an denen sich die Wucht des Eingriffs ablesen und in die Begriffe der Naturkunde fassen lässt. Doch für das menschliche Trauma, für die Erfahrung der plötzlich zersprengten Existenz, lässt sich die Sprache nicht so einfach finden.

Sieben Bewohner eines abgelegenen Bergdorfs, Männer und Frauen, berichten, stellvertretend für alle, von ihrem Leben, in dem das Erdbeben tiefe Spuren hinterlassen hat, die sie langsam zu benennen lernen. Von der gemeinsamen Erfahrung von Angst und Verlust spleißen sich bald die Fäden individueller Erinnerung ab und werden zu eindringlichen und berührenden Erzählungen tiefer, älterer Versehrung. Da ist zum Beispiel Olga, die durch das Beben mit den Erinnerungen an ihre Kinderjahre in Venezuela konfrontiert wird. Oder der Junge Toni, der plötzlich kein Obdach mehr hat. Oder Silvia, die ihren Vater unter den Erdbebentoten befürchtete. Sie alle kämpfen, der eine mehr, der andere weniger ...

Unterhaltung, die so anders, so besonders, so selten ist wie kaum etwas sonst im Bücherregal - Esther Kinsky zu lesen, heißt, Erzählkunst auf höchstem Niveau zu erfahren. Die Lektüre ihrer Geschichten hinterlässt eine Gänsehaut am ganzen Körper, berührt das Herz und bleibt noch lange in schönster Erinnerung. "Rombo" gehört zu den Büchern, die man in seinem Leben mindestens einmal gelesen haben muss. Man taucht tief in Italiens Seele ein, lernt ein Stück weit auch Land und Leute kennen - und das mit Poesie, die alle Sinne gefangen nimmt. Da fällt es nach der Lektüre schwer, wieder in den normalen Alltag, ins Hier und Jetzt zurückzukehren. Solch ein Genuss begeistert über Stunden und Tage.

Die Welt von heute braucht unbedingt mehr Autor(inn)en mit dem Können einer Esther Kinsky. Deren Romane erschüttern einen in den Grundfesten, und zugleich unterhalten diese aufs Grandioseste. "Rombo" bedeutet Literatur, von der einem ganz schwindelig wird; und das gleich ab der ersten Seite. Zwischen zwei Buchdeckeln findet man ein Lektüreerlebnis mit der berauschenden Wirkung von Drogen. Diesem zu widerstehen? Nahezu unmöglich!

Susann Fleischer 
14.02.2022

 
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Das Buch:

Esther Kinsky: Rombo

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Berlin: Suhrkamp Verlag 2022 267 S., 24,00 ISBN: 978-3-518-43057-6

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