Romane

Eine Art "Tschick" in der Erwachsenenliteratur

Johann, wohnhaft in Berlin, ist dem Koks viel zu zugeneigt, seine Beziehung hat schon bessere Zeiten erlebt und Geldnot bringt ihn dazu, seine Freunde zu beklauen. Da passt es Johann so gar nicht, als er aus der Psychiatrisch-Psychosomatischen Klinik Celle einen Anruf bekommt. Sein älterer Bruder Paul wurde dorthin gebracht, nachdem er siebzehn Hühnern den Kopf abgeschlagen hatte. Zum Vorfall schweigt Paul beharrlich. Aber vielleicht spricht Paul ja mit seinem Bruder. Also steigt Johann in den nächsten Zug nach Niedersachsen und landet mitten irgendwo im Nirgendwo. Die beiden haben sich seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Und doch ist es, als läge zwischen diesem und ihrem letzten Treffen höchstens ein Tag. Paul teilt sich noch immer mit Hilfe von Post-it-Zetteln mit. Und Johann gibt seinen philosophischen Senf dazu.

Interessant wird das Wiedersehen der Brüder, als Paul Johann schließlich bittet, ihn auf eine Reise zu begleiten, willigt Johann ein. Ihre erste Station ist Altensalzkoth, ein Dorf mit 65 Einwohner und 13 km nördlich von Celle gelegen. Dort versteckte sich zwischen 1946 und 1950 der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. Während der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges leitete er das "Eichmannreferat", organisierte somit die Verfolgung, Vertreibung und Deportation von Juden und war mitverantwortlich für die Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen im weitgehend vom NS-Staat besetzten Europa. Paul hat dessen Weg minutiös verfolgt und aufgezeichnet. Nun möchte er auf Eichmanns "Spuren wandeln". Johann hingegen will Paul endlich besser verstehen. Diese Reise ist dafür eine mehr als gute Gelegenheit.

Johann, eigentlich mit mehr als genug Problemen gestraft, und Paul nähern sich langsam, aber sicher einander an. Und doch bleibt stets eine Distanz zwischen ihnen; als wären sie zwar miteinander verwandt, allerdings nicht zweiten, sondern eher fünften oder sechsten Grades. Aber die Zeit bringt oftmals auch Heilung. Und so erkennt Johann bald, was es mit den Hühnern auf sich hat und warum Paul und er in Richtung niederländische Nordseeküste weiterreisen, immer entlang des 52. Breitengrades ...

Unterhaltung, die alles andere als gewöhnlich und deshalb ganz, ganz wunderbar und herrlich ist - Stephan Lohse ist einer von Deutschlands genialsten Autoren. Seine Schöpferkraft ist echt beeindruckend, und sein Talent schlicht zum Niederknien gut. Kaum "Johanns Bruder" aufgeschlagen, verschlägt es einem ob solch hochwertiger Literatur nicht nur den Atem, sondern garantiert auch die Sprache. Die Story überrascht auf jeder Seite; quasi eine Wundertüte zwischen zwei Buchdeckeln. Lohse beweist darüber hinaus: Er ist kein One-Hit-Wonder unter unseren Schreiberlingen. Nach "Ein fauler Gott" gelingt ihm erneut ein Geniestreich, der einen regelrecht staunen lässt. Das reinste Wunder, auf Papier gebannt! Das Beste überhaupt: Hier muss Langeweile zu keinem Satz befürchtet werden. Besser kann man sich kaum amüsieren, als mit Lohses Büchern!

Wie nur wenige andere Schriftsteller schreibt Stephan Lohse seine Leser ganz schwindelig. Die Geschichten aus seiner Feder berühren das Herz, machen außerdem so high wie einzig noch Drogen. Diese sind mit das schönste, originellste Geschenk im Bücherregal. "Johanns Bruder" liest sich ziemlich aufregend, faszinierend einzigartig und einfach nur wundervoll. Hier erfährt man eine Lektüre weit abseits des Mainstreams. Definitiv Literatur auf höchstem künstlerischem Niveau!

Susann Fleischer 
04.01.2021

 
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Das Buch:

Stephan Lohse: Johanns Bruder

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Berlin: Suhrkamp Verlag 2020 343 S., 22,00 ISBN: 978-3-518-42959-4

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