Romane

Selbstbild und Fremdwahrnehmung. Hitlers Lebensmaximen als Auslser und Wegbereiter der deutschen Katastrophe

Adolf Hitler ? keine andere Person in der Weltgeschichte, deren Name derart mit Unmenschlichkeit und Grausamkeit verbunden ist. Wer war dieser Hitler? Was trieb ihn an? War er das personifizierte B?se? Es sind keine geringeren Fragen als diese, die im Zentrum von Eric-Emmanuel Schmitts Roman ?Adolf H. Zwei Leben? stehen. Um Antworten zu geben stellt er der Geschichte des Diktators ? so wie sie tats?chlich gewesen sein k?nnte ? jene des fiktiven Adolf H. gegen?ber.

Wien 1908. Hitler, armem Sohn aus zerr?tteten Familienverh?ltnissen, gelingt es nicht, die Zulassung zur Kunstakademie zu erreichen. Unersch?tterlich davon ?berzeugt, trotz allem vom Schicksal beg?nstigt und nur von den anderen verkannt zu sein, schl?gt er sich zun?chst als  Gelegenheitsmaler, Koffertr?ger, G?nstling und Soldat durch, bis er seine Berufung findet: zu Beginn der zwanziger Jahre tritt Hitler der NSDAP bei. Mit seinen von Hass befeuerten Reden macht er dort schnell Karriere. Durchdrungen von einem narzisstisch ?bersteigerten und unreflektierten Selbstwertgef?hl ? eigene Schw?chen und Fehler existieren f?r ihn nicht - , unf?hig im anderen mehr als ein Mittel zum Zweck, einen Gegenstand der Verachtung und eine Bedrohung eigener Interessen zu sehen, erkennt er in sich den Retter Deutschlands und initiiert Holocaust und Zweiten Weltkrieg. -  Adolf H. hingegen wird zum Studium zugelassen und in die Gemeinschaft seiner Kommilitonen integriert. In Neumann und Bernstein findet er gute Freunde und mit Hilfe Dr. Freuds (!) gelingt es ihm, seine ?ngste Frauen gegen?ber zu ?berwinden. Kunst, aber vor allem seine Mitmenschen und die Liebe werden zu wichtigen Bestandteilen des pers?nlichen Lebenswegs, dem Adolf trotz mehrfacher schwerer Schicksalsschl?ge ? u.a. verliert er seinen Freund Bernstein w?hrend des Ersten Weltkriegs, seine Lebensgef?hrtin Elf-Uhr-Drei?ig stirbt vor der Zeit, als K?nstler erlebt er in Paris den finanziellen Bankrott ? treu bleibt, bis er als Familien- und Gro?vater 1970 in den USA verstirbt.

Auf einer ersten Ebene des Romans steht die Frage nach dem ?Was-w?re-gewesen-wenn?. W?re die Welt eine bessere geworden, h?tte die Kunstakademie Hitler zum Studium zugelassen? Ja, sagt Eric-Emanuel Schmitt, denn als Maler verwirklicht h?tte er der NSDAP als wichtige Gallionsfigur gefehlt. H?tte es zum damaligen Zeitpunkt einen anderen geben k?nnen? Aus der R?ckschau kann dies nicht beantwortet werden und zudem ist es nicht relevant. Eine weit bedeutendere Frage und die gro?e Leistung des Romans finden sich auf einer tieferen Ebene. Sie betreffen die Vermenschlichung und Motivation des im Laufe der Zeit zu einer Figur erstarrten Adolf Hitler. Egoismus, Egozentrismus, Erfolg um den Preis des Opfers des anderen und r?cksichtslose Selbstbest?tigung verst?rken sich im Lauf der Handlung so sehr, dass der Diktator nicht nur bedenkenlos Millionen in den Tod treibt. Der narzisstische Drang, das Leben ausschlie?lich als Erf?llung des ?berzogenen Selbstbildes zu gestalten, hat ihn daneben v?llig vom anderen abgeschnitten. Hitler stirbt einsam.

Ganz anders Adolf H., dessen Lebenssinn nicht in rigoroser Ich-Bezogenheit, sondern vielmehr im Gestalten des eigenen Lebens in der Beziehung zu seinem N?chsten besteht. So erreicht er nicht nur pers?nliches Gl?ck, sondern wird vielmehr zu einem Aufruf zur Menschlichkeit, die, in der Masse realisiert, Trag?dien wie den Holocaust verhindert.

Wieder einmal ist es Eric-Emmanuel Schmitt gelungen, ein gro?artiges Buch zu schreiben. Der Blick auf den Menschen Hitler und seinen Gegenentwurf ist eine besonders gelungene Art, die Verbrechen der Nazis zu betrachten. Aus den T?tern werden Menschen, deren Motive sich auch heute noch finden lassen, auch wenn sie im Dritten Reich stark ins Extrem ?bersteigert waren. Dennoch, Erfolg um jeden Preis, R?cksichtslosigkeit, Klischees und zwischenmenschliche K?lte sind unseren Leistungsgesellschaften sicherlich nicht fremd. Schmitts literarische Antwort auf die Frage danach, wie es gewesen ist, ist somit besonders sinnvoll, weil sie die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht nur aus einem d?monischen in ein menschliches Ph?nomen verwandelt. Vielmehr ermahnt sie jeden einzelnen von uns, st?ndig an Selbstbild und Fremdwahrnehmung zu arbeiten.

Stephan Scholz
14.04.2008

 
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Das Buch:

Eric-Emmanuel Schmitt: Adolf H. Zwei Leben

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Zrich: Ammann Verlag 2007
508 S., 24,90
ISBN: 978-3-250-60107-4

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