Romane

Franz Josef is watching you!

Peter Gillitzer wächst mit seinen beiden kleineren Brüdern und seinen erzkonservativen Eltern in Untermenzing, einem Vorort von München, auf. Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Jahre steht Peter die eigene Pubertät ins Haus, was angesichts der Pflichten als Ministrant und der Allgegenwart von Kirchendevotionalien und Franz Josef Strauß einem äußerst herausfordernden Unterfangen gleichkommt. Schließlich war vor einem halben Jahrhundert der Zugang zu aufklärendem Material, das einem Jungen wie Peter den Weg in die Welt weisen sollte, sehr limitiert, insbesondere in einem Elternhaus, dessen Werte den Sprung aus dem Mittelalter in die Neuzeit problemlos gemeistert hatten. Für Peter gilt es nun, an Informationen über Mädchen und Frauen zu gelangen, ohne dabei seine eigene Ahnungslosigkeit preiszugeben. Um dieses Pokerspiel mit seinen Freunden und Mitschülern für sich erfolgreich zu gestalten, hat er ein Heft angelegt, in dem er ihm unbekannte Begriffe wie Unzucht oder "Prono" notiert. Auf der Suche nach Antworten auf diese Rätsel hofft Peter, zumindest für sich selbst den Sex erfinden zu können.

"Wie ich den Sex erfand" ist ein höchst unterhaltsamer Roman von Peter Probst, soeben erschienen im Münchener Kunstmann Verlag. Der Autor ist selbst Jahrgang 1957 und ein "Münchner Kindl", so dass sicherlich autobiographische Züge und Erfahrungen in dieses Werk eingeflossen sind. Probst ist seit Jahren erfolgreich als Drehbuchautor und Schriftsteller unterwegs. Einige ARD-Tatorte mit unterschiedlichen Ermittlern entstammen seiner Feder. Darüber hinaus hat sich Probst auch einen Namen gemacht als Autor einiger Kriminalromane. Mit seinem neuesten Werk startet der sogar mit dem Grimme-Preis dekorierte Ehemann von Amelie Fried einen gezielten Angriff auf die Lachmuskeln seiner Leser.

Peter Probsts Alter Ego namens Peter Gillitzer leidet in seiner Schule und auf den täglichen Fahrten im Schulbus darunter, dass ihm seine Mitstreiter scheinbar weit voraus sind in den Dingen, die in seinem Alter allerhöchste Priorität genießen. Im allabendlichen Dialog mit Franz Josef Strauß, der ihm in seinem Kinderzimmer von einem Poster an der Decke entgegenblickt, wälzt er seine Strategien hin und her, wie er bei seinen Kumpels zu mehr Respekt und Anerkennung gelangen könnte. Dabei trifft Peter mitunter nicht immer die klügsten Entscheidungen, so dass er von einem Fettnäpfchen zielsicher in nächste tritt. Die eine oder andere Verfehlung bringt ihn auch stets gefährlich nahe an das Damoklesschwert eines Internats. Doch bewahrt ihn ein noch nicht enttarnter schwarzer Fleck in der Familiengeschichte vor diesem Super-GAU.

Der Verlag von Antje Kunstmann hat mit dem vorliegenden Buch wieder einmal ein Werk auf den Markt gebracht, das die regionalen Wurzeln ihres Hauses betont. Wie schon die Gossec-Romane oder das Hörspiel-Epos über die Familie Grandauer ist auch "Wie ich den Sex erfand" stark geprägt durch den Münchener Geist, die Allgegenwart christlich-sozialen Gedankenguts und den katholischen Erzkonservatismus. Die knapp 300-seitige Buchausgabe erfährt allerdings starke Konkurrenz aus dem eigenen Haus, da parallel dazu eine ungekürzte Lesung als Hörbuch beim Kunstmann Verlag erschienen ist. Kein Geringerer als Christian Tramitz liest dabei die Jugendjahre des Peter Gillitzer vor. Der kongeniale Partner von Michael "Bully" Herbig" hat schließlich auch schon den Eberhofer-Romanen durch die von ihm gelesenen Hörbücher gewaltige Anschubhilfe geleistet. Obgleich sich das Buch von Peter Probst hervorragend liest und man Kapitel um Kapitel inhaliert, ist die Hörbuch-Variante angesichts des Vortragenden definitiv eine Überlegung wert.

Der Humorfaktor kommt auf jeden Fall nicht zu kurz, wenn Peter Gillitzer seine verzweifelten Rechercheaktivitäten betreibt und an einem abgelegenen Kiosk mit hanebüchenen Geschichten den Erwerb der "Neuen Revue" zu begründen versucht. Doch finden auch traurige Töne Eingang in seine Jugendjahre, wenn nämlich der despotische Vater und Gralshüter der katholischen Wertewelt seine Macht ausspielt und die Bedürfnisse seines Sohnes ignoriert. Aber auch hierfür findet Probst einen versöhnlichen Turnaround, so dass "Wie ich den Sex erfand" als Sittengemälde einer bayrischen Pubertät in der heranwachsenden Bundesrepublik Deutschland für großartige Unterhaltung und viel Lippengymnastik bei den Lesern sorgt.

Christoph Mahnel 
21.09.2020

 
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Das Buch:

Peter Probst: Wie ich den Sex erfand

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Mnchen: Verlag Antje Kunstmann 2020 296 S., 22,00 ISBN: 978-3-956-14384-7

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