Romane

Tage der Tunten

Was für eine Welt in der Welt! Die Welt der bekennenden Tunten. Die Welt der als Tunten übel beleumdeten Menschen. Eine Welt, die wer wirklich kennt? Ausgenommen die bekennenden Tunten. Was an Kenntnissen über Tunten in der Öffentlichkeit kursiert ist Klischee. Eine Witzwirklichkeit, die wenig mit der Welt der Tunten gemein hat. Tunten sind kein Witz. Zumeist sind sie witzige Menschen. Geschickt widersetzen sie sich dem Widersinn der Welt, der ihre Existenz als widersinnig erscheint. So sehen das zumindest Außenstehende. Kein Außenstehender ist Michal Witkowski. 1975 in Wroclaw  (Breslau) geboren, macht der Schriftsteller derzeit nicht nur in Europa mit seinem Buch "Lubiewo" Furore.

Ausgewiesen als Roman, ist das Buch eine erzählerische Collage von Biographien der Damen-Weiber-Zicken-Huren-Gräten-... mit männlichem Geburtsnamen, deren Lebensziel und –elexier es ist, Kerle aufzureißen. Nichts als Kerle. Für eine Tunte ist keine Tunte reizvoll. Mann muß Mann  sein. Möglichst ohne Abitur. Es sind keine Sexgeschichten, schon gar keine Liebesgeschichten, die Witkowski erzählt. Es sind traurige, nicht selten triste und trostlose Geschichten. Lebensgeschichten von Tunten, die ihre Tage am äußersten Rand des allgemeinen Alltags fristen. Es macht frösteln, zu lesen, wie und was die wirkliche Wirklichkeit  der Bewitzelten ist. Schonungslos und ohne Scheu schildert der Schriftsteller die Triebe und das Getriebensein der Tunten seiner Heimatstadt Breslau. Er kennt sie von Nudistenstrand Lubiewo – bei Swinemünde -, der ein Hort der Homosexuellen ist. Der Tunten-Kenner ist darauf aus, in Gesten, Reden, Handlungen, Stimmungen deutlich zu machen, was Tunten als Tunten ausmacht. Das klare Kenner-Bekenntnis des Autors bestimmt Inhalt und Qualität des Buches. Nicht nur exakt in den Details, ist es stark in den dargestellten Gefühlen, die alles andere als gefühlsduslig sind. Witkowski schreibt gegen die Gefühlsdusligkeit an, die Tunten generell nachgesagt wird. Er gibt Einblicke in eine Welt, die weder profan, perfide, penetrant ist. Der Blick ist fest auf Menschen gerichtet, die Mitmenschen sind. Sie leben in der Zeit und Gesellschaft, in der auch wir leben. Privates und Persönliches wird nie losgelöst von Zeit und Gesellschaft gesehen. Das fördert die inhaltliche Substanz und gestalterische Kraft des Buches. Die Biographien der Breslauer (innen) sind voll der Vergleiche zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Zeit der "Kommune", wie die Zeit der Volksrepublik Polen genannt wird, muß ständig herhalten für den Vergleich mit der Zeit des Kapitals. Die Schlußfolgerung lautet: „Und es soll mir keiner sagen, jetzt ist die beste Zeit für´s Tuntesein, das ist sie nämlich nicht. „Wenn das keine klare Gesellschaftskritik ist! "Lubiewo" ist von der ersten bis zur letzten Seite ein maskenlos-kritisches Buch. Röte steigt einem ins Gesicht. Nicht aus Scham. Wegen der empfundenen Schande. Der Skandal ist, wie Menschen Menschen begegnen. Zum Beispiel Tunten. Was für eine Welt! Eine befremdliche Welt. Nicht, weil Tunten in ihr leben. Wie sie leben, leben müssen.

Bernd Heimberger
22.01.2008

 
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Das Buch:

Michal Witkowski: Lubiewo. Aus d. Polnischen Christina Marie Hauptmeier

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Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag 2007
340 S., 19,80
ISBN: 978-3-518-41929-8

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