Romane

Ein kühner, bissiger Roman über eine Gesellschaft, die ihre ethnische Spaltung noch lange nicht hinter sich gelassen hat

Dickens, ein Vorort von Los Angeles, ist der Schandfleck der amerikanischen Westküste: verarmt, verroht, verloren; zugleich der Stolz seiner schwarzen Einwohner, eine Bastion gegen die weiße Vorherrschaft. Hier zieht der Erzähler von "Der Verräter" Wassermelonen und Marihuana. Er versucht sich irgendwie durch das Leben zu kämpfen, ausgerechnet er als "nicht gerade stolzer Abkömmling der Familie Heros aus Kentucky, eine der schwarzen Pionierfamilien". Er behauptet von sich selbst, keiner dieser unerschütterlich optimistischen Amerikaner zu sein. Zu gut weiß er, wie das Schicksal sein böses Spielchen mit ihm treibt. Dann stirbt sein bürgerrechtsbewegter Vater durch Polizeigewalt und die Gentrifizierung droht den gesamten Vorort auszuradieren.

Unser "Held" wird unversehens zum Anführer einer neuen Bewegung: Mit Hominys Hilfe, alternder Leinwandstar aus "Die kleinen Strolche", führt er Sklaverei und Rassentrennung wieder ein. Es beginnt harmlos als Geburtstagsgeschenk für Hominy und einem kleinen Busschild in Gedenken an Rosa Parks: "Gegebenenfalls für Senioren, Behinderte und Weiße freimachen". Doch die Busfahrerin vergisst, das Schild wieder zu entfernen. Die Folge: weniger Ärger im Bus. Die Mitfahrenden zeigen sich plötzlich respektvoll gegenüber anderen statt in ihrem Egoismus andere zu missachten. Aus dem "Scherz" wird schnell eine ernste Sache, die die Vereinigten Staaten zurück in die Steinzeit katapultieren könnte oder aber eine unverhoffte Chance für die Afroamerikaner ist ...

Unterhaltung, die zum Besten gehört, was man überhaupt in die Hände kriegen kann - was Paul Beatty schreibt, haut einen glatt um, und das garantiert mehr als einmal. Mit "Der Verräter" gelingt ihm eine Satire so schlau, so witzig, so ungemein klug und mit Herz. Einfach ein tolles Buch, anspruchsvoll und dabei auf jeder Seite unglaublich amüsant. Während der Lektüre hält es einen vor lauter Lesebegeisterung, gar -euphorie nicht auf der Couch. Denn zwischen zwei Buchdeckeln findet man unbändige Fabulierlust à la Paul Auster. Hier zeigt sich: Der US-Amerikaner ist ein Ausnahmeerzähler. Sein schriftstellerisches Talent ist geradezu überwältigend, nur schwer zu übertreffen. Seine Romane, auch den vorliegenden, muss man um alles in der Welt lesen.

Kaum etwas macht schwindeliger als die Bücher aus Paul Beattys Feder. Diese bedeuten Literatur, so berauschend wie Drogen. Von "Der Verräter" wird einem nach nur wenigen Sätzen ganz high, als hätte man Kokain oder Heroin konsumiert. Absolut wow, wow, wow! Definitiv eines der großen, ungewöhnlicheren Lesehighlights dieses Jahres!

Susann Fleischer
03.12.2018

 
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Das Buch:

Paul Beatty:
Der Verräter. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens

Bild: Buchcover Paul Beatty, Der Verräter

München: Luchterhand Verlag 2018
352 S., € 20,00
ISBN: 978-3-630-87575-0

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