Romane

Ein literarisch höchst wertvolles Plädoyer wider das Vergessen

Deutschland, 1902: Mathis (15) ist der dreizehnte Sohn eines Bohnenbauern, sein Leben zwischen Äckern und Feldern scheint vorherbestimmt. Erst als der Jahrmarkt im Dorf Einzug hält, bekommt Mathis eine Ahnung von der großen, weiten Welt jenseits der Hügel, die den Ort umgeben. Eine Welt, in der elektrische Wunder, Kuriositäten und schillernde Showbühnen auf ihn warten und in der auch er einen Platz haben will. Zusammen mit den Schaustellern begibt sich Mathis auf eine außergewöhnliche Reise. Diese führt ihn unter anderem nach Paris und Wien, bis nach Berlin. In Zürich begegnet Mathis der Kraftfrau Meta und verliebt sich auf den ersten Blick in sie. Beide haben schwere Kämpfe hinter sich, und weitere gemeinsam noch auszufechten. Die Welt steht an einem tiefen Abgrund.

Nach über dreißig Jahren als Röntgenkünstler lebt Mathis mit Meta und deren geistig behinderten Bruder in einer Wohnwagensiedlung am Rande Berlins. Es sind düstere Zeiten für die Artisten: Die Massen jubeln plötzlich einem seltsamen Mann mit lächerlichem Schnauzer zu. Adolf Hitler wird nicht nur für Mathis und seine Künstlerfreunde zu einer Bedrohung. Auftrittsverbote werden verhängt, Bühnen dichtgemacht. Über Nacht sind die ersten Künstler und Artisten aus ihren Wohnwagen verschwunden. Doch in geheimen Clubs und Künstlertreffs lebt die Szene wild und bunt weiter, verborgen vor Joseph Goebbels´ Schergen.

Mathis, der nicht nur sein Leben, sondern um seine gesamte Zunft fürchtet, beschließt ein Buch gegen das Vergessen zu verfassen - ein Vorhaben, das umso gefährlicher wird, als der Bildhauer Josef Thorak in der Siedlung auftaucht. Er fordert Meta auf, ihm für eine Skulptur Modell stehen, die Hitlers neues Olympiastadion schmücken soll. Denn Metas athletischer Körper, der vor Kraft und Stärke strotzt, ist die Blaupause für Hitlers arisches Frauenbild. Noch glaubt Thorak, dass Metas Ahnenpass eine nordische Blutlinie nachweist, eine Lüge, die auf Leben und Tod aufrechterhalten werden muss. Die Lage spitzt sich für das Paar zu, als sie nach einem Engagement nach Hause kommen und Metas Bruder spurlos verschwunden ist. Er ist in die Fänge zweier korrupter Polizisten geraten ...

Ein Leseerlebnis von größter Seltenheit - jedes von Vera Bucks Büchern ist ein Geschenk, von dem einem nach nur wenigen Sätzen ganz schwindelig wird. Ein Meisterwerk wie "Das Buch der vergessenen Artisten" ist gerade in Zeiten wie diesen umso wichtiger. Es erinnert uns an die dunkle deutsche NS-Vergangenheit. Und es warnt uns, auf das die Schrecken der Nationalsozialisten nie mehr geschehen mögen. Die deutsche Schriftstellerin schreibt so eindringlich, dass ab der ersten Seite alle Sinne gefangen genommen werden. Man verliert sich vollkommen in Bucks Worten. Diese kommen einer überwältigend-sinnlichen Verführung gleich. Partout niemand kann solch einem Lesegenuss lange widerstehen. Berauschendere Unterhaltung findet man nur selten im Bücherregal. Absolut betörend!

Die Romane von Vera Buck bedeuten ein ganz besonderes, ein unvergleichlich grandioses Leseereignis bis zum letzten Satz. Mit "Das Buch der vergessenen Artisten" gelingt ihr eines der besten, interessantesten Lektürehighlights, die man überhaupt in die Hände kriegen kann. Definitiv literarisch höchst wertvoll! Die Autorin beherrscht die Erzählkunst auf höchstem Niveau. Sie kann schreiben, so fesselnd und mitreißend wie kaum jemand sonst ihrer Zunft.

Susann Fleischer
10.09.2018

 
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Das Buch:

Vera Buck:
Das Buch der vergessenen Artisten

Bild: Buchcover Vera Buck, Das Buch der vergessenen Artisten

München: Limes Verlag 2018
752 S., € 22,00
ISBN: 978-3-8090-2679-2

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