Romane

Herrlichst amsante Unterhaltung mit Tiefgang

Titus Brose wollte einst als Journalist Karriere machen. Und schaffte es beinahe: Vor Jahren führte er ein mehr oder eher weniger aufregendes Leben als Chefredakteur des Spandauer Boten. Mit der Wende allerdings änderte sich alles. Die Zeitung wurde eingestellt und Titus war plötzlich arbeitslos. Zu seinem Glück - oder vielmehr Unglück? - fand er bei "LebensLauf" eine neue Arbeitsbeschäftigung. Heute schreibt er Memoiren im Auftrag der Firma. Seine Klienten findet er im Alten Fährhaus, einer Seniorenresidenz am Rande von Berlin. Während er den zu Heldenlegenden stilisierten Lebensgeschichten der Bewohner lauscht und die Stilblüten in den Werken seines Kollegen Schulze korrigiert, beginnt Titus, an sich und seiner Zunft zu zweifeln. Auch privat läuft es für ihn nicht zum Besten.

Mitten in seiner Midlife-Krise trifft Titus auf Dr. Einhorn, der Titus´ Interesse auf Adelbert von Chamisso, berühmter Naturforscher und Dichter, und Eduard Hitzig lenkt. Letzterer schrieb nicht nur posthum Chamissos Biografie, er sorgte gleich selbst für einige der spannendsten Episoden in dessen Leben. Fasziniert von dieser Beziehung begibt sich Titus auf eine Recherchereise. Diese führt ihn unter anderem in seine eigene Vergangenheit im geteilten Berlin und ins Leipziger Stadtarchiv. Und während er in rätselhaften historischen Dokumenten stöbert, im Alten Fährhaus an kollektiven Gedächtnistrainings teilnimmt und zwischenzeitlich an seinem eigenen Sein verzweifelt, merkt Titus: Es ist nicht das Leben, das all diese komischen und traurigen Geschichten schreibt ...

Ein besonders schönes Juwel der Literatur - "Das Leben kostet viel Zeit" steckt voller Erzählkunst auf höchstem Niveau. Hier erfährt man berührendes Lesekino wie aus der Feder einer Mariana Leky und weniger anderer. Jens Sparschuh verführt uns zu einem Lesegenuss sondergleichen. Seine Werke übertreffen (fast) alles, was in den letzten Jahren auf dem deutschen Buchmarkt erschienen ist. Das vorliegende ist ein absolutes Lesehighlight. Während der Lektüre macht das Herz wilde Freudenhüpfer vor lauter Lesebegeisterung. Und zugleich droht es einem zu brechen. Denn so viele Emotionen findet man nur selten zwischen zwei Buchdeckeln, und auch nicht solch betörende Poesie. Sparschuh kann schreiben. Was man mit seinen Büchern in die Hände kriegt, haut einen glatt um. Absolut grandios!

Die Romane von Jens Sparschuh bedeuten ein Lesevergnügen von großer Seltenheit. "Das Leben kostet viel Zeit" erzählt hinreißend komisch und leichtfüßig philosophisch von einer ganz besonderen Freundschaft und der Suche nach der eigenen Geschichte. Ab den ersten paar Sätzen ist einem ganz schwindelig von der Story. Und nach der letzten Seite fühlt man sich so glücklich wie noch nie zuvor im Leben.

Susann Fleischer
19.02.2018

 
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Das Buch:

Jens Sparschuh: Das Leben kostet viel Zeit

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Kln: Kiepenheuer & Witsch 2018
384 S., 16,99
ISBN: 978-3-462-31675-9

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