Romane

Lesegenuss der einsamen Spitzenklasse, aus der Feder einer Meisterin ihrer Zunft

Die Ich-Erzählerin ist auf der Flucht. Nach dem viel zu frühen und plötzlichen Tod von M. kehrt sie ihrem Zuhause den Rücken. Drei Reisen unternimmt sie. Alle drei führen sie nach Italien, doch nicht an die bekannten, im Kunstführer verzeichneten Orte, nicht nach Rom, Florenz, Pisa oder Siena, sondern in abseitige Landstriche und Gegenden - nach Olevano Romano etwa, einer Kleinstadt in den Hügeln nordöstlich der italienischen Hauptstadt gelegen, oder in die Valli di Comacchio, die Lagunenlandschaft im Delta des Po, halb von Vögeln beherrschte Wasserwelt, halb dem Wasser abgetrotztes Ackerland. Zwischen diesen beiden Geländeerkundungen im Gebirge und in der Ebene führt die dritte Reise die Erzählerin zurück in die Kindheit.

Sie und ihre Eltern haben einst viele Urlaube in Italien verbracht. Es war eine tolle Zeit, und außerdem eine sehr prägende Zeit. Wie bruchstückhafte Filmsequenzen tauchen die Erinnerungen an zahlreiche Fahrten durch das Italien der Siebzigerjahre auf, dominiert von der Figur des Vaters. Er war die wichtigste Bezugsperson im Leben der Ich-Erzählerin. Doch auch er verließ sie eines Tages und sie fühlte sich von ihm und aller Welt im Stich gelassen. Dabei lebt er in ihrem Herzen und in den Erinnerungen an die gemeinsame Zeit weiter. Die Protagonistin beginnt zu erkennen, dass sie, um frei zu sein von der Trauer, sich eben dieser endlich stellen muss, auch wenn diese und die damit einhergehenden Gefühle sie überwältigen könnten ...

Erzählkunst auf höchstem Niveau bekommt man mit den Romanen von Esther Kinsky in die Hände. Diese sind nur schwer zu übertreffen. "Hain" zeugt von Emotionen pur. Zwischen zwei Buchdeckeln steckt eine Geschichte zum Verlieben. Die deutsche Autorin nimmt uns mit ihren Worten über viele, viele Stunden vollkommen gefangen. Ihre Streifzüge und Wanderungen - im Gedächtnis ebenso wie gehend oder fahrend in der Gegenwart - sind Italienische Reisen eigener Art. Sie erkunden mit allen Sinnen äußeres Terrain und führen doch ins Innere, zu Abbrüchen der Trauer und des Schmerzes und zu Inseln des Trostes. Der einfühlsame, präzise Blick der Reisenden entlockt jedem Gelände, was eigentlich im Verborgenen liegt: Geheimnis und Schönheit. Kurzum: Absolut preisverdächtig!

Poesie der schönsten Sorte - die Werke von Esther Kinsky sind ganz besondere, besonders strahlende Juwelen der Literatur. Einfach zum Niederknien gut! "Hain" trifft mitten ins Herz. Ab den ersten paar Sätzen kämpft man mit den Tränen. Hier erfährt man ein Leseerlebnis, das man sein Leben lang nicht mehr vergessen wird. Solch betörende Unterhaltung ist von großer Seltenheit. Von Kinskys Büchern wird einem so schwindelig wie sonst nur noch von denen aus der Feder eines Arno Geigers.

Susann Fleischer
12.02.2018

 
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Das Buch:

Esther Kinsky:
Hain. Geländeroman

Bild: Buchcover Esther Kinsky, Hain. Geländeroman

Berlin: Suhrkamp Verlag 2018
287 S., € 24,00
ISBN: 978-3-518-42789-7

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