Romane

Eine (Liebes-)Geschichte , so poetisch wie von einem Klaus Modick geschrieben

Vincent (50) schlägt sich als Taxiunternehmer mehr schlecht als recht durch. Er fährt seine Kunden quer durch Berlin und hört sich ihre Geschichten, die traurigen, die lustigen und auch die skurrilen, an. Das Geld reicht für eine einigermaßen große Singlewohnung und dafür, seine Tochter des Öfteren aus finanzieller Notlage zu retten. In seiner Freizeit schreibt Vincent an einem Roman, und zwar seit vielen Jahren. Trotzdem will er nichts ändern. Für Vincent zählt Freiheit mehr als beruflicher Erfolg. Ganz im Gegensatz zu seinem neuen Fahrgast. Er glaubt, sie zu kennen, und dann weiß er es: Die Frau im Rückspiegel heißt Jule. Vincent erinnert sich wieder: Jule und er haben einmal eine intensive Nacht miteinander verbracht - vor fünfundzwanzig Jahren.

Es war am Tag der Demonstrationen gegen den ersten Golfkrieg, als sich Vincent und Jule zum ersten Mal begegnet sind. Damals waren sie so unfassbar jung und blickten auf eine ungewisse Zukunft. Nun sitzt Jule in seinem Berliner Taxi; sie ist gerade mit einer Maschine aus München gelandet, auf dem Weg zu einem Wirtschaftskongress. Es scheint ihr gut zu gehen. Doch wie geht es ihm? Und was ist mit der Liebe von damals? Viel ist in der Zwischenzeit geschehen. Vincent ist Vater, und Jule hat zwei Söhne. Beide leben von ihren Partnern getrennt. Es hat nicht funktioniert. Trotz all ihrer Unterschiede, haben Vincent und Jule aber etwas gemeinsam: ihre Gefühle füreinander. Noch einmal ist es für sie wie im Jahr 1991. Bis Jule wieder zurück nach München muss ...

"Nacht ohne Engel" ist die präzise Momentaufnahme zweier Lebensentwürfe, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier der berufliche Erfolg, dort die individuelle Freiheit. Doch wie frei kann man sein? Wie viel Glück bedeutet Erfolg? Ulrich Woelk erzählt von jener Generation, die mit dem Mauerfall erwachsen wurde und mehr Freiheit hatte, ihr Leben zu gestalten, als jede andere zuvor. Und die doch das Gefühl nicht loslässt, nie angekommen zu sein.

Ganz großes Lesekino zwischen zwei Buchdeckeln - mehr Emotionen als in "Nacht ohne Engel" findet man nirgendwo anders. Ulrich Woelk beweist erneut, dass er ein Meister seiner Zunft ist. Er kann schreiben. Von seinen Geschichten wird einem regelrecht schwindelig. Und diese machen außerdem unfassbar glücklich. Der deutsche Autor sorgt für ein Lesevergnügen sondergleichen. Seine Werke sind ein Lesegeschenk der schönsten Sorte. Einfach zum Niederknien gut! Was Woelks Feder entstammt, rührt garantiert jeden zu Tränen. Halten Sie besser gleich mehrere Packungen Taschentücher bereit. Denn ab dem ersten Satz bleibt kein Auge trocken. Ein Leseerlebnis wie das vorliegende haut einen glatt um. Es ist ein Highlight in jedem Bücherregal bzw. auf jeden Nachttisch.

Es gibt Bücher, die vermögen, das Leben eines Lesers für immer zu verändern. Und "Nacht ohne Engel" ist solch eines. Ulrich Woelk gelingt abermals ein Juwel der Literatur. Hier erfährt man Erzählkunst auf höchstem Niveau. Betörend schönere Unterhaltung bekommt man nur seltenst in die Hände.

Susann Fleischer
20.11.2017

 
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Das Buch:

Ulrich Woelk: Nacht ohne Engel

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Mnchen: dtv 2017
224 S., 18,00
ISBN: 978-3-423-28111-9

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