Romane

Per Anhalter durch Nordamerika

Der elfjährige Tucker Malone zieht mit seiner Mutter Gina zeitlebens quer durch Kanada, immer dorthin, wo seine Mutter Arbeit zu finden glaubt. Gina arbeitet als Stripperin, Tucker nennt sie eine Tänzerin, obgleich er trotz seines jungen Alters um den Unterschied weiß. Darüber hinaus leidet Gina an Narkolepsie, aufgrund der sie immer wieder unvermittelt und urplötzlich einschläft. Eines Tages, die beiden haben sich gerade in Niagara Falls in einem Motel niedergelassen, kehrt Gina nicht nach Hause zurück. Tuckers Ängste sind begründet, schließlich findet er Gina an Apparaturen und Schläuche angeschlossen in einem Krankenhaus wieder. Sie war beim Überqueren einer Straße eingeschlafen und dort von einem Wagen überfahren worden. Während Gina darum kämpft, wieder gesund zu werden und ins Leben zurückkehren können, muss Tucker für diese Zeit in ein Heim für Jugendliche.

Dort lernt Tucker Meredith kennen, ein älteres Mädchen, das nebenher anschaffen geht, um Geld zu verdienen. Die beiden freunden sich trotz des Altersunterschieds an und schütten sich gegenseitig ihr Herz aus. Meredith plant, nachdem sie von einem Freier vergewaltigt worden und daraufhin schwanger geworden ist, das in ihr heranwachsende Baby abzutreiben. Tucker hingegen ist schon immer unglücklich darüber, keinen Vater zu haben. Aufgrund der wenigen Informationsfragmente, die er Gina aus der Nase hat ziehen können, glaubt er, dass der Barkeeper aus der Fernsehserie "Cheers", der auch Malone heißt, sein Vater sein könnte. Zusammen begeben sich Meredith und Tucker auf einen Roadtrip, um ihr Baby zu verlieren und seinen Vater zu finden. Auf dieser abenteuerlichen und brandgefährlichen Reise bleibt den beiden Ausreißern nichts erspart und sie werden diesen Trip ihres Lebens nie mehr vergessen.

"Niagara Motel" wird weder in den Buchgeschäften noch bei Amazon in den Premium-Schaufenstern beworben, doch freut man sich als Leser immer dann, wenn man ein weniger bekanntes Exemplar zutage gefördert hat und das einem während des Lesens ans Herz wächst. Um ganz genau ein solches Buch handelt es sich bei dem vorliegenden Werk aus der Feder der kanadischen Schriftstellerin Ashley Little. Liest man den Klappentext, hat man das Gefühl, ein Intro für eine John-Irving-Geschichte vorliegen zu haben. Schließlich ist in dessen Büchern die Suche nach Vätern oder Vaterfiguren ein ewiges Thema. Doch während die Bücher des Mannes aus Neu-England meist um die 1000 Seiten umfassen, hat Little ihre Handlung auf etwa ein Viertel dieses Volumens konzentriert. Dennoch hat man nicht das Gefühl, dass die Autorin die Einführung der Charaktere zu kurz hat kommen lassen. Gerade Tucker und Meredith glaubt man als Leser bereits nach wenigen Kapiteln so gut zu kennen, dass man ihr Verhalten voraussagen möchte.

Ashley Little hat ihre Handlung ins Frühjahr 1992 verlegt, eine Zeit, die in den Vereinigten Staaten aufgrund der Rassenunruhen rund um den Fall des Rodney King negative Berühmtheit erlangt hat. Dieser zeitliche Umstand bleibt von der Autorin lange Zeit unerwähnt, bis irgendwann ein dezenter Hinweis diesbezüglich lanciert wird, und man sich abgesehen davon wundert, dass zur Kommunikation keine Handys Verwendung finden. "Niagara Motel" ist aus der Ich-Perspektive Tucker Malones geschrieben. Dies nutzt die Autorin geschickt aus und lässt dabei sowohl die altersgerechte Denke eines Kindes zu als auch sehr reife Gedanken und Zusammenhänge, bei denen man als Leser zusammenzuckt und sich fragt, ob ein elfjähriger Junge tatsächlich dies oder jenes gedacht oder gesprochen haben könnte. Die immer enger werdende Freundschaft der beiden Ausreißer wird von der Autorin wunderbar entwickelt, bis sie auf ihren dramatischen Höhepunkt in L.A. zusteuert.

Das vorliegende Buch mag zwar bei Portalen wie Amazon im Ranking nur auf einer vier-, fünf- oder sechsstelligen Position angesiedelt sein, doch führt es einem vor Augen, wie sehr es sich lohnt, bezüglich Buchempfehlungen nicht nur auf die einschlägigen Bestsellerlisten oder Empfehlungen zu horchen, sondern sich auch selbst auf die Reise zu begeben und die Mühe zu machen, ein unentdecktes Juwel ausgraben zu wollen. "Niagara Motel" belohnt diese Bemühungen vollauf und wird ein Buch und eine Geschichte bleiben, die sich in die Erinnerung eines jeden Lesers einbrennen wird. Ashley Little hat mit Tucker, Gina und Meredith drei Charaktere geschaffen, die einem bei der emotionalen Achterbahnfahrt, die sie durchleben müssen, ganz eng ans Herz gewachsen sind.

Christoph Mahnel
24.07.2017

 
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Das Buch:

Ashley Little: Niagara Motel. Aus dem Englischen von Katharina Naumann

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Reinbek: Rowohlt Polaris 2017
272 S., 16,99
ISBN: 978-3-499-29083-1

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