Romane

Ein Roman wie ein Lieblingssong

England, 1948: Die britische Regierung holt billige Arbeitskräfte aus den karibischen Kolonien nach Großbritannien. Von den Weißen werden die sogenannten "Mokkas" höchstens geduldet. Einer der Ersten, die in London Fuß fassen, ist Moses. Er fühlt sich verpflichtet, die Neuankömmlinge aus Trinidad, Jamaika, Barbados oder Antigua unter seine Fittiche zu nehmen, ihnen bei der Wohnungs- und Arbeitssuche zu helfen, sie auch mal bei sich in seinem schäbigen Zimmer wohnen zu lassen. Dabei fehlt es Moses selbst an allen Ecken und Enden. Obwohl er Nacht für Nacht in der Fabrik schuftet, kommt er auf keinen grünen Zweig. Längst hat er resigniert. Vom einstigen Optimismus bei seiner Ankunft in Waterloo Station ist nicht viel übrig geblieben. 

Dann sind da noch Big City, Fünf-nach-zwölf und die anderen. Sie sind aus der Karibik hierhergekommen, jetzt staunen sie über die Dampfwolken vor ihren Mündern. Und wenn der Wochenlohn wieder nicht reicht, jagen sie eben die Tauben auf dem Dach. Kapitulation? Niemals! Stattdessen beginnen die Überlebenskünstler, sich neu zu erfinden - und ihre neue Heimat gleich mit. Sie haben noch Hoffnung, dass sie etwas erreichen, dass sie ein weißes Mädchen heiraten oder dass sie als reicher Mann nach Hause zurückkehren werden. Mit allen möglichen Tricks halten sie sich über Wasser, suchen Arbeit, leben in den Tag hinein, genießen das Leben, streiten und vertragen sich wieder. Und wenn es darauf ankommt, halten sie zusammen ... 

Unterhaltung, die ihresgleichen sucht - "Die Taugenichtse" gehört zu den größten Überraschungshits der letzten Jahre. Samuel Selvons Ton zwischen kreolischem Straßenslang und balladesker Suada geht direkt ins Ohr und ins Herz. Es vollführt einen wilden Freudensalto nach dem nächsten. Bedingungslos aufrichtig erzählt der Autor von den ersten Einwanderern Englands, die das Land, sein Denken, seine Sprache, sein Selbstverständnis für immer verändert haben. Was man hier in die Hände kriegt, ist so gut geschrieben, dass es einen glatt vom Hocker haut. Der Roman gibt nicht nur Einblick in das Leben der "Lonely Londoners" in den 1950er Jahren, sondern ein wenig auch in deren Kultur und Bräuche in der karibischen Heimat. 

Samuel Selvon, gestorben 1994 in Trinidad, avancierte gleich nach seinem ersten Buch zu einer international anerkannten literarischen Stimme. Mit "Die Taugenichtse" schuf er einen ganz eigenen, neuen Sound. Nirgendwo sonst findet man zwischen zwei Buchdeckeln mehr Lebensfreude und unbändige Fabulierlust als hier. Diese Geschichte feiert das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, und zwar auf besonders poetische Weise. 

Susann Fleischer
26.06.2017

 
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Das Buch:

Samuel Selvon: Die Taugenichtse. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow

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Mnchen: dtv 2017
176 S., 18,00
ISBN: 978-3-423-28117-1

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