Krimis & Thriller

Abschied von der Landidylle

Das Gras ist grüner in Minnesota. Auf den riesigen Flächen saftigen, meist flachen Weidegrunds kauen schwarz-weiße Milchkühe wieder, die «Holsteins». Denn besiedelt wurde das seenreiche «Land des himmelblauen Wassers», so der Sioux-Name, im nördlichen Mittleren Westen der USA von skandinavischen und deutschen Bauern. Orte heißen Lindström oder auch New Ulm, wo Bier gebraut wird. Robust aussehende Menschen pflegen die Gemeinschaft. «Hier besitzt jeder ein Gewehr», berichtet Patricia Jean Lambrecht in ihrem alten Farmhaus, «denn hier wird gejagt. Doch Mord ist ein äußerst seltenes Ereignis.»

Die quirlige 60-Jährige mit den hellwachen braunen Augen darf als Expertin für die ursprünglich eher seltenen Verbrechen im Bundesstaat und dem angrenzenden Wisconsin gelten: Unter dem Pseudonym P.J. Tracy schreibt sie gemeinsam mit ihrer Tochter Traci TeAmo Lambrecht (39) international erfolgreiche Kriminalromane, die alle in der Region spielen. Auch ihr neuer Krimi «Mortifer» (lateinisch für Tod bringend) ist in einem Dorf in Wisconsin angesiedelt. Das Vorbild dazu liegt unweit der idyllischen Lambrecht-Farm.

«Mortifer» ist der dritte Band einer Vierer-Folge um die schrägen, der Polizei helfenden Mitglieder eines Computerclubs aus Minneapolis - die Großstadt ist 30 Meilen von der Farm entfernt. Wie bereits «Spiel unter Freunden» (2003) und «Der Köder» (2005) besticht auch der neue spannende Schmöker mit seiner Mischung aus makabren Untaten und skurrilen Typen, einer Prise politischer Unkorrektheit und jeder Menge warmherzigen Humors.

Witzig geht es auch im Familienheim mit Blümchentapeten und alten Möbeln, Pferdebildern und Flügel zu. Unermüdlich werfen sich Mutter P.J. und Tochter Traci die Wortbälle zu, spotten und kichern. P.J.s zweiter Ehemann Ted, pensionierter Techniker, trägt es mit Fassung - und wendet sich dem Reparieren historischer Autos zu. «Sie ist perfekt», sagt eine Co-Autorin augenzwinkernd über die andere - und beide klingen so, als meinten sie das auch noch ernst. Beide lieben das Fabulieren seit früher Kindheit, jede begann mit eigenen Veröffentlichungen. Seit 17 Jahren schreiben sie zusammen.

«Irgendwann, so um 2001, langweilten uns unsere Kurzgeschichten und Romanzen. Wir dachten: Schreiben wir doch mal über den Tod», erzählen die attraktiven Krimi-Ladies. Dass Traci 2000 Meilen entfernt in Los Angeles lebt, ist kein Problem: Sind Plot und Figuren nach langen Treffen auf der Farm erst einmal entwickelt, sorgen E- Mails und Telefon-Flatrate dafür, dass die eine das Kapitel der anderen lesen und diskutieren kann - um dann selbst das nächste zu schreiben. «Tracis Stärken sind Struktur, Dialoge und Pop-Kultur», sagt P.J., «mir liegen eher Gefühle und detailreiche Beschreibungen». Streit gibt es, wen wundert's, angeblich nie.

Was macht den Tod für die Schriftstellerinnen so anziehend? Darauf antworten beide ernst: «Wir lachen zwar oft, reagieren aber auf alles sehr emotional. Und die schrecklichen Seiten des Daseins gehen uns stark unter die Haut.» Sie seien zwar nicht religiös, beschäftigten sich aber intensiv mit Fragen nach Gut und Böse, den Motiven für Verbrechen. Dazu passt, dass ein Vorfahr, der um 1800 als Blinder Passagier nach Amerika kam, angeblich ein in seiner deutschen Heimat verurteilter Mörder war.

Ihren Krimi-Stoff finden die Autorinnen gleich vor der Tür: «Das ländliche Amerika verändert sein Gesicht», meinen beide. Dazu gehört nicht nur, dass immer mehr Bauernhöfe aufgeben und Menschen, die in Minneapolis oder in der Hauptstadt St. Paul arbeiten, ihre Häuser im Grünen bauen. Vor allem die Einwandererwellen aus Asien und Afrika sowie neue Sekten, die zum Teil schon an die Stelle der lange so wichtigen christlichen Glaubensgemeinschaften träten, veränderten die Nachbarschaft. «Schlimm sind rechtsradikale Vereinigungen aus "Losern", Verlierern der Gesellschaft, die ihre Aggression gegen Schwarze und Latinos richten», sagt Traci.

So verwundert es nicht, dass auch in «Mortifer» die Idylle bereits auf den ersten Seiten erheblich gestört wird: Im Dörfchen Four Corners dürfen sich die Einwohner und die prächtigen Holsteiner Kühe nämlich nur solange des Lebens freuen, bis ein ganz gewöhnlich aussehender, aber Tod bringender Milchlaster auftaucht. Schon bald stehen die Computerspezialistinnen Grace und Annie sowie FBI-Agentin Sharon, alle von einer Wagenpanne in die Gegend verschlagen, vor einem gruseligen Rätsel. Doch statt im Dorf Hilfe zu finden, treffen sie auf ein brutales Söldnerheer, das Jagd auf sie macht.

Ulrike Cordes, dpa
04.06.2006

 
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Das Buch:

P. J. Tracy:
Mortifer

Bild: Buchcover P. J. Tracy, Mortifer

Reinbeck: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2006
400 S., € 8,90
ISBN: 3-499-24203-6

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