Krimis & Thriller

Ein venezianisches Jubilum

Man schrieb das Jahr 1993, ein gewisser Bill Clinton wurde als 42. US-Präsident eingeführt, in Deutschland die vierstelligen Postleitzahlen durch fünfstellige abgelöst, und Berti Vogts sowie Helmut Kohl bekleideten die zentralen nationalen Ämter als Bundestrainer bzw. -kanzler. In dieser Zeit erschien beim Zürcher Diogenes Verlag ein Roman mit dem Titel "Venezianisches Finale", das Debüt einer US-amerikanischen Journalistin, die in Venedig lebt und einen venezianischen Kommissar zum Leben erweckt. Der Roman handelt vom Mord an einem Dirigenten, der während einer Aufführung an Venedigs Opernhaus "La Fenice" verstirbt. Im besten Stile der klassischen Krimi-Autoren tummeln sich viele Verdächtige mit validen Motiven um den ermittelnden Kommissar, einen liebenswürdigen Charakter, der mit viel Menschenverstand am Ende den Täter überführt.

Um dem Rätselspiel ein Ende zu machen, bedarf es nur weniger Worte: Guido Brunetti heißt der Kommissar aus der Questura Venedigs, der mit diesem Fall die Bühne der Kriminalliteratur betrat. Seit diesem ersten Fall sind knapp zweieinhalb Jahrzehnte ins Land gezogen, US-Präsidenten wie auch Bundestrainer und -kanzler wurden abgelöst und ersetzt, doch eines blieb über die gesamte Zeit hinweg konstant, nämlich das jährliche Erscheinen eines neuen Romans um Guido Brunetti. Donna Leon hat sich mit dieser Reihe ein Denkmal gesetzt, das dieser Tage einen ganz besonderen Meilenstein erreicht hat. Mit "Ewige Jugend" erschien soeben Fall Numero Fünfundzwanzig, ein Viertelhundert an Fällen, die Brunetti zumeist erfolgreich abschließen konnte. Zentrale Charakteristika ihrer Bücher sind zweierlei Umstände, zum einen platziert Donna Leon in ihren Werken stets gesellschaftliche Themen mit einem aktuellen Bezug, zum anderen löst Brunetti zwar stets die Hintergründe auf, doch will es ihm nicht immer gelingen, die Täter ihren gerechten Strafen zuzuführen, da ihm mitunter die Hände gebunden sind.

Ohne zu viel vorwegzunehmen, wird Brunetti dieses Mal den Täter für die Tat verantwortlich machen können. Comtessa Lando-Continui, eine alte Freundin von Brunettis Schwiegermama, möchte vor ihrem Tod Gewissheit haben über den fünfzehn Jahre zurückliegenden "Unfall" ihrer Enkelin Manuela. Einst war diese in den Kanal gestürzt – ob verschuldet oder nicht, ist bis heute unklar – doch hat dieser Tag das Leben der damals Sechzehnjährigen schlagartig verändert, ist sie seitdem doch aufgrund des zeitweisen Sauerstoffmangels im Gehirn auf dem Stand eines Kleinkinds zurückgeblieben. Ein "Cold Case", ganz im Stile des Sonderdezernat Q und eines Jussi Adler-Olsen, doch keineswegs so atemberaubend wie im Staate Dänemark. Schließlich schreiten in Brunettis Venedig Ermittlungen seit jeher viel bedächtiger voran, was natürlich auch der souveränen Art des Commissarios geschuldet ist. Unterstützt wird Brunetti, der latente Technik-Ignorant, von seiner diesbezüglich sehr versierten Sekretärin, Signorina Elletra, die ihm wie immer entscheidende Informationen und Unterlagen zukommen lässt.

Ansonsten begegnet der treue Leser auch in diesem 25. Fall mit Guido Brunetti wieder den alten liebgewonnenen Bekannten, man speist mit der Familie des Commissarios, wie immer sind Menüfolge und Getränkewahl perfekt aufeinander abgestimmt, die Qualität des Ganzen mindestens auf Edel-Italiener-Niveau, und man erfährt auch wieder, welche Bücher aktuell auf den Nachttischen von Brunetti und seiner Frau Paola liegen. Dass sich letztere gerade ihren Liebling Henry James einverleibt, dürfte auch niemanden mehr überraschen. Des Weiteren kämpft Brunetti gegen die altbekannten Windmühlen namens Patta und Scarpa. Letzteren bekämpft seit geraumer Zeit Signorina Elletra recht erfolgreich mit den Waffen einer Frau, während Brunetti sich selbst die Eitelkeiten des Vice-Questore immer besser zu Nutze macht.

Quo vadis, Donna Leon? Diese Frage stellen sich wohl viele Brunetti-Leser nach einer gefühlten Ewigkeit und 25 Romanen, unter denen sich einige höchst formidable Bücher befanden, aber naturgemäß auch einige Durchhänger. Gerade in den letzten Jahren hatte man verstärkt den Eindruck, dass Donna Leon zur Fabrikation eines alljährlichen Romans getrieben wird und es der Qualität der Bücher sicherlich gut zu Gesicht stehen würde, wenn sie, im kommenden Jahr steht immerhin schon ihr 75. Geburtstag vor der Tür, ein wenig von der Fließbandproduktion abrücken könnte. So werden einige Leser diesen Meilenstein mutmaßlich auch dazu nutzen, Donna Leon und Guido Brunetti "arrivederci" zu sagen. Wer sich hingegen den beiden nicht entsagen möchte, wird garantiert weiter beliefert werden, mit einem Fall pro Jahr, der in der deutschen Übersetzung stets zum Übergang von Frühling zum Frühsommer erscheint. Bei allen Wenn und Aber ist es an der Zeit, Danke und Glückwunsch zu sagen, liebe Donna Leon, für diesen liebevollen Kosmos wunderbarer Charaktere im Herzen von Venedig, in dem menschliche Werte einen hohen Stellenwert haben und Denken wie Handeln bestimmen.

Christoph Mahnel
18.07.2016

 
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Das Buch:

Donna Leon: Ewige Jugend

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Zrich: Diogenes Verlag 2016
336 S., 24,00
ISBN 978-3-257-06969-3

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