Krimis & Thriller

Naturgewalten und die Gewalt der menschlichen Natur

Eine gute Bekannte hat sich mit ihrem neuen Werk wieder auf der B?hne der Kriminalliteratur gezeigt: die Engl?nderin Phyllis Dorothy James, inzwischen von der Queen geadelt und als Baroness Mitglied des englischen Oberhauses, setzt mit dem Kriminalroman Wo Licht und Schatten ist (?The Lighthouse?) wieder einen Markstein. Nat?rlich bleibt sie ihrem Subgenre innerhalb der Kriminalliteratur ? dem des klassischen englischen ?Whodunit? mit literarischem Anspruch ? treu und entt?uscht damit gewi? nicht ihre langj?hrigen und zahlreichen Fans.

Mord und Meer

Aus ihrer beruflichen Erfahrung als Angestellte in der staatlichen Krankenhausverwaltung und im englischen Innenministerium sch?pfte die Autorin ihre Ideen; so wurden Krankenh?user oder Forschungslabore Schaupl?tze ihrer B?cher in den sechziger und siebziger Jahren. Kennzeichnend f?r ihre Romane sind aber auch die eindrucksvollen landschaftlichen Szenerien der K?sten Englands ? bevorzugt die von East Anglia. Die Autorin spielt auch in ihrem neuesten Roman ?berzeugend mit der doch manchmal sehr bedrohlich anmutenden Naturgewalt des Meeres und der Wirkung auf ihre Anwohner. In Ein unverhofftes Gest?ndnis wird beispielsweise schon in den ersten S?tzen eine beklemmende Atmosph?re geschaffen, als beschrieben wird, wie eine Leiche in einem Ruderboot an Land getrieben wird, gerade so, als ob die Natur den Menschen mit seiner ureigenen B?sartigkeit und Schlechtigkeit konfrontieren will.

In ihrem siebzehnten Roman hat die Autorin wieder einen solchen Schauplatz gew?hlt. Auf einer der s?denglischen Grafschaft Cornwall vorgelagerten Insel namens Combe Island finden hochrangige und gestresste Pers?nlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur die notwendige Entspannung und Erholung abseits der ?ffentlichkeit, organisiert durch eine Stiftung der fr?heren Inselbesitzer. Auch der auf der Insel geborene erfolgreiche Schriftsteller Nathan Oliver zieht es h?ufig vor, sich aus der literarischen ?ffentlichkeit zum Schreiben in die Abgeschiedenheit und Ruhe zur?ckzuziehen. Bei einigen Inselg?sten, den wenigen Angestellten von Combe House und der letzten Nachfahrin des Stifters schafft sich der eigensinnige und egozentrische Romancier schnell Feinde.

Als Olivers Leiche baumelnd an der Br?stung des Insel-Leuchtturms aufgefunden wird, nimmt statt der ?rtlichen Polizei eine Sondereinheit von Scotland Yard um den erfahrenen Commander Adam Dalgliesh die Ermittlungsarbeit auf? das Innenministerium verlangt unverhohlen eine schnelle und diskrete Aufkl?rung des Falls, da auf Combe Island eine baldige Regierungskonferenz geplant ist. An Motiven mangelt es nicht und der Kreis der Verd?chtigen beschr?nkt sich auf die Personen auf Combe Island, denn der von seinen Mitarbeitern ehrfurchtsvoll ?AD? genannte Commander Dalgliesh erkennt schnell, dass niemand von au?en auf die Insel gelangen konnte, um Nathan Oliver umzubringen und der streits?chtige Schriftsteller keinesfalls Selbstmord begangen hat.

Auf Augenh?he mit alten Vorbildern

Die Ausgangsidee eines Mordes auf einer abgelegenen Insel in einer fast klaustrophobischen und abgeschlossenen Atmosph?re erinnert m?glicherweise als kleine Reminiszenz ein wenig an Agatha Christies Klassiker Zehn kleine Negerlein. Die Augenh?he und der oft zitierte Vergleich mit dem anderen Vorbild Dorothy Sayers ist durchaus berechtigt: formale L?nge, Sprachstil, Aufbau, detaillierte und glaubw?rdige Charakterstudien, aber wohl besonders der erz?hlerische Schreibstil sind f?r die Kriminalromane der inzwischen f?nfundachtzigj?hrigen Britin typisch.

Dabei verschlie?t sie sich auch nicht zeitgem??eren Entwicklungen in der Kriminalliteratur. Ihre Leser konnten den Werdegang ihrer Ermittlerfigur Adam Dalgliesh seit dem ersten Auftritt in den sechziger Jahren vom Inspector bis zum Commander von Scotland Yard verfolgen, fr?her meist als in sich gekehrter, fr?h verwitweter Einzelg?nger-Typ und passionierter Lyriker charakterisiert. In den neueren Romanen werden ihm weitere Kr?fte z.B. in Person von Detective Inspector Kate Miskin an die Seite gestellt und der Commander mu? Teamf?higkeit und F?hrungsst?rke beweisen. Somit ergibt sich auch bei P. D. James das bei Kriminalroman-Autoren mittlerweile sehr beliebte und etablierte m?nnlich-weibliche Beamtenduo, wie auch bei Ian Rankin mit seinem Inspector John Rebus und  Sergeant Siobhan Clarke oder Elizabeth Georges Inspector Lynley und Sergeant Havers.

Mehr Licht als Schatten

Eine Frage dr?ngt sich nach der Lekt?re von Wo Licht und Schatten ist dann doch geradezu auf: P. D. James hat in diesem Roman die Hauptfigur eines alternden Romanautoren mit nachlassender Schaffenskraft entworfen, dessen letztes Werk von den Literaturkritikern nicht mehr sonderlich wohlwollend besprochen wurde. Der als ?gro?en alte Dame des englischen Kriminalromans? titulierten Autorin tut man sicher nicht unrecht, wenn man die Behauptung aufstellt, da? Wo Licht und Schatten ist zwar ein gut gelungener Kriminalroman mit psychologischem Einschlag mit Tiefensch?rfe ist, aber eben nicht ganz an ihre besten Werke heranreicht ? um mit Der schwarze Turm und Tod an heiliger St?tte zwei pers?nliche Favoriten zu nennen. Trotz leichter Durchh?nger in der Spannung und der Plot-Entwicklung auf den immerhin ?ber 450 Seiten steuern vor allem die St?rken der Autorin wie die lebendig und glaubw?rdig im Detail beschriebenen Figuren die Handlung auf ein dramatisches Finale und eine Verfolgungsjagd des M?rders hin. Finaler Schauplatz ist wieder der Ort, der auch Ausgangspunkt f?r die Ermittlungen des Teams von ?AD? war ? nat?rlich der Leuchtturm von Combe Island.

Hagen Stoll
03.05.2006

 
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Das Buch:

P.D. James: Wo Licht und Schatten ist

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Mnchen: Verlag Droemer Knaur 2006
461 S., 19,90
ISBN: 3-426-19717-0

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