Krimis & Thriller

Zu Gast bei Freunden

Der "Patriarch" feiert seinen 90. Geburtstag und alle sind gekommen. Marco Desaix ist ein französischer Kriegsheld mit allerbesten Beziehungen nicht nur zu den obersten Etagen der französischen Regierung, auch in London, Moskau und bei den Israelis ging er viele Jahrzehnte lang ein und aus. Seine Flugkünste hatten ihm als blutjungem Burschen im Zweiten Weltkrieg zu Ruhm und Ehre verholfen. Auch Bruno Courreges, Chef de Police im lieblichen Saint-Denis, war schon in jungen Jahren fasziniert von diesem besonderen Mann. Daher ist es ihm persönlich ein großes Anliegen, diesem Helden seiner Kindheit persönlich zum runden Geburtstag gratulieren und auf der großen Gartenparty zugegen sein zu dürfen.

Doch leider endet diese Feier tragisch: Am nächsten Morgen wird der auf dem Anwesen lebende Gilbert, ein alter Freund der Familie, tot aufgefunden. Rasch wird eine Todesursache genannt und bescheinigt, die Leiche zur Einäscherung freigegeben. Nach dem Dafürhalten Brunos geschieht dies jedoch viel zu schnell. Zwar war Gilbert bekannt für seinen übermäßigen Alkoholgenuss, doch es mehren sich die Aussagen, dass er auf der Geburtstagsfeier bis kurz vor seinem Verschwinden völlig nüchtern gewesen sein soll. Hat etwa jemand einen guten Grund gehabt, den Toten und etwaige Beweismittel schleunigst aus dem Weg zu räumen. Je tiefer sich Bruno in die Verhältnisse der Familie Desaix vergräbt, umso deutlicher wird, dass auch in dieser allseits geschätzten Sippschaft viele dunkle Geheimnisse verborgen liegen, die tunlichst nicht von einem kleinen Polizisten ans Tageslicht befördert werden sollen.

Der Sommer kündigt sich an, die Tage werden länger, ein neuer Bruno-Roman erscheint in den Regalen der hiesigen Buchläden. Die diesbezügliche Präzision des Zürcher Diogenes Verlags lässt eindeutig auf deren Schweizer Herkunft schließen. Ende April bzw. Anfang Mai ist es soweit, und die deutsche Übersetzung des neuesten Romans aus der Feder Martin Walkers findet sogleich nach Erscheinen reißenden Absatz und stürmt in den Bestsellerlisten ganz nach oben. "Eskapaden" lautet der Titel des achten Abenteuers mit dem sympathischen Bruno Courreges, der seit seinem Debüt anno 2009 Jahr für Jahr einen prekären Fall in seiner Heimatgemeinde Saint-Denis gelöst hat. Stets agiert der Chef de Police höchst umsichtig, kennt er doch die lokalen und persönlichen Gepflogenheiten seiner Mitmenschen, deren Wohl ihm alleroberstes Gebot ist.

Mit Martin Walker den Menschen im Périgord beizuwohnen, ihnen beim Kochen und der anschließenden lukullischen Aufnahme von Speis und Trank über die Schulter schauen zu dürfen, hat einen wunderbaren Charme entwickelt und sich mittlerweile als eine liebgewonnene Tradition im Frühsommer etabliert. Als Leser wünscht man sich beinahe, dass dort alles so bleiben möge, wie es ist, doch auch Saint-Denis ist gegen Veränderungen nicht gefeit. In "Eskapaden" ändert sich zuallererst mal Brunos Liebesleben. Von Isabelle, der feschen Pariserin, ist zwar dieses Mal nichts zu lesen, doch hat sich Pamela, die lokal ansässige Schottin, gegen eine Fortführung ihrer Liebschaft mit Bruno entschieden. Dieser nimmt das im besten Stile eines Gentlemans hin, ohne das vorliegende Buch abstinent zu beenden. Zwar gibt es auch im Périgord Mord und Totschlag, ansonsten wäre Brunos Job wahrscheinlich auch viel zu uninteressant für eine Erfolgsreihe wie die diese, doch hat man als Leser unentwegt das Gefühl, dass dort die Welt noch in Ordnung sei. Unzweifelhaft ist dies einer der zentralen Erfolgsfaktoren von Martin Walkers Bruno-Projekt.

Darüber hinaus überzeugt Walker durch seine profunde Kenntnis von Land und Leuten, wohnt der ehemalige Journalist doch seit Jahren selbst im Périgord, in Le Bugue, einer kleinen Gemeinde, die quasi Pate für das fiktive Saint-Denis Brunos steht. Angeblich ist sogar der real existierende Gendarm von Le Bugue Vorbild für die Figur des Bruno Courreges. Walkers breites Wissen um politische und historische Gegebenheiten versehen die Bruno-Romane mit einer besonderen Note. In "Eskapaden" sind es die Verflechtungen der Geheimdienste im Kalten Krieg bis hin zu den umstürzlerischen Revolutionen in der Sowjetunion Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger Jahre. Genau dort liegt letztlich auch der Schlüssel zur Aufklärung des Todes von Gilbert. Bruno-Fans dürfte es auch zukünftig nicht langweilig werden, da die Tinte von "Bruno 9" bereits getrocknet ist. "Fatal Pursuit" lautet der Titel des englischsprachigen Originals, das dieser Tage erscheinen wird und garantiert zwölf Monate später vom Diogenes Verlag in einer gelungenen Übersetzung hierzulande den beginnenden Sommer 2017 einläuten wird.

Christoph Mahnel
14.06.2016

 
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Das Buch:

Martin Walker: Eskapaden

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Zrich: Diogenes Verlagl 2016
400 S., 24,00
ISBN: 978-3-257-06968-6

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