Krimis & Thriller

London Calling

Der Jahreswechsel gestaltet sich für den Premier-League-Klub London City höchst turbulent. Abgesehen davon, dass die Öffnung des Transferfensters bis Ende Januar jedes Jahr dafür sorgt, dass die Klubs Amok laufen, hektisch mit ihren Geldscheinbündeln wedeln, um ein paar Jungstars zu völlig überteuerten Konditionen für ihren Verein gewinnen zu können, klingeln bei London City die Alarmglocken. Als eines Abends im Stadion ein im Mittelkreis ausgehobenes Grab entdeckt wird, sind Polizei und Presse schnell vor Ort. Der Verein versucht natürlich, Aufsehen zu vermeiden und den Vorfall herunterzuspielen. Selbst das symbolisch im Grab drapierte Foto von João Zarco, dem Trainer von London City, wird nicht als Warnung gesehen, sondern als Tat von nicht weiter ernstzunehmenden Wirrköpfen abgestempelt.

Zarcos Co-Trainer Scott Manson hat darüber hinaus noch mit einer Beziehungskrise und dem Suizid eines ehemaligen Mitspielers zu kämpfen. Da kommt ihm Zarcos Verschwinden just vor einem wichtigen Spiel höchst ungelegen, schlimmer noch ist nur die Wahrheit, die kurz nach Abpfiff ans Tageslicht gelangt. João Zarco wird tot auf dem Stadiongelände aufgefunden, ein Tötungsdelikt scheint klar auf der Hand zu liegen. Natürlich hat der charismatische und provokante Portugiese zahlreiche Feindschaften liebevoll gepflegt, doch wer sollte ihm derart ans Leder wollen und ihn ins Jenseits befördern? Die Beantwortung dieser Frage überlässt Viktor Sokolnikow, der steinreiche ukrainische Klub-Besitzer von London City, jedoch nicht der Polizei, er vertraut diese Aufgabe Scott Manson an. Als Belohnung winkt diesem die dauerhafte Anstellung als Trainer des Vereins. Doch Manson ist sich überhaupt nicht sicher, ob er seine Fühler in die ganzen Wespennester Sokolnikows und Citys stecken möchte.

Der schottische Krimi-Autor Philip Kerr ist bekennender Fan von Arsenal London und hat mit "Der Wintertransfer" einen äußerst bemerkenswerten Thriller vorgelegt, der in den moralischen Sumpflandschaften des englischen Fußballs spielt. In der Vergangenheit war Kerr mit intelligenten Plots wie in "Das Wittgenstein-Programm" erfolgreich, nun hat er in seinem neuesten Roman die Handlung mit seiner großen Leidenschaft zusammengebracht. Es ist nicht zu übersehen, dass Kerr den Fußball liebt und versteht, ansonsten wären ihm die vielen Nadelstiche gegen stinkreiche Klub-Besitzer aus Osteuropa, arrogante Trainer-Diven oder völlig verhätschelte Fußball-Profis nicht so pointiert gelungen. Darüber hinaus lässt Kerr auch kein gutes Haar am englischen Verband, der FA oder der FIFA, dem Lieblingshassobjekt eines jeden Fußball-Fans dieser Tage. Für seine fiktiven Charaktere in "Der Wintertransfer" hat sich Kerr berühmte Vorbilder genommen. Zarcos Pendant in der realen Welt bildet kein Geringerer als José Mourinho, während Sokolnikows Alter Ego natürlich Chelseas Oligarch Roman Abramowitsch ist.

Kerrs Sprache ist dem Ambiente der Premier Leauge gemäß über weite Strecken recht flapsig, er prescht die Handlung von Anfang an auch sehr forsch voran, so dass man als Leser bereits nach wenigen Seiten sicher weiß, dass keine Langeweile aufkommen wird und man das Buch in wenigen Tagen ausgelesen haben dürfte. Kerr missbraucht "Der Wintertransfer" ganz offensichtlich auch dafür, seine Kritikpunkte an den Institutionen und Gepflogenheit im Fußballgeschäft loszuwerden, die seinem Lieblingssport langfristig Schaden zufügen werden. Den Leser wird dies garantiert nicht stören, da er sich der Kritik nahezu unisono anschließen kann. Der Autor unterscheidet sehr stringent zwischen der Kernhandlung und der Staffage um selbige herum. Für besagte Kernhandlung hat er ausnahmslos fiktive Charaktere - obgleich mit deutlicher Nähe zu realen Personen - ersonnen, während er bei Beschreibungen des erweiterten Umfelds existierende Personen oder Klubs auftreten lässt. Diese Differenzierung zwischen Realität und Fiktion hält er konsequent über das gesamte Buch hin aufrecht.

Der Stuttgarter Tropen-Verlag hat mit Kerrs neuestem Werk sicherlich ein großes Los im diesjährigen Bücherherbst gezogen, da natürlich alle Fußball-Fans, aber nicht nur diese, begeistert zu "Der Wintertransfer" greifen werden. Denn kurioserweise gibt es nur recht wenig gelungene Belletristik zur zweitwichtigsten Sache der Welt, das vorliegende Buch schließt diese Lücke zumindest für das Jahr 2015. Eventuell wird diesbezüglich noch mehr zu erwarten sein, da "Der Wintertransfer" erst der Auftakt zu einer dreiteiligen Krimiserie um Scott Manson sein soll. Im Englischen liegen zumindest schon die Arbeitstitel der weiteren Bände vor: "Hand of God" und "False Nine" lassen stark vermuten, dass es sich hierbei auch sehr intensiv um das runde Leder drehen wird.

Christoph Mahnel
09.11.2015

 
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Das Buch:

Philip Kerr: Der Wintertransfer

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Stuttgart: Tropen 2015
425 S., 14,95
ISBN 978-3-608-50138-4

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