Krimis & Thriller

Leise und nachdenklich

In seinem zweiundzwanzigsten Dienstjahr als Buchkommissar muss Guido Brunetti für seinen Vorgesetzten Wogen glätten. Des Bürgermeisters Schwiegertochter in spe und deren Teilhaber stecken mit ihrem Laden in Schwierigkeiten. Um potentielle Probleme im Vorfeld auszuräumen, wird Brunetti von Vice-Questore Patta daher um eine Gefälligkeit gebeten. Obgleich dies für Brunetti keinen großen Aufwand darstellt, nutzt er die sich ihm bietenden Freiräume für eigene Erkundungen. Seine Frau Paola hat ihn nämlich beauftragt, dem plötzlichen Ableben eines behinderten jungen Mannes aus der Nachbarschaft nachzugehen.

Der Verstorbene arbeitete als Aushilfe in einer Wäscherei, nun scheint er sich das Leben genommen zu haben, mit Tabletten. Oder hat jemand ihm diese untergejubelt? Bei seinen Nachforschungen stößt Brunetti auf pures Nichtwissen um den Toten. Mit Mühen erfährt er dessen Namen, Davide, doch gibt es keine offiziellen Auskünfte über ihn, weder eine Geburts- noch eine Krankenakte. Auch mit dem Auffinden von Davides Mutter schreitet Brunetti nur langsam dabei voran, sich ein Bild über den Jungen zu machen. Doch was sich ihm peu à peu offenbart, ist hochgradig deprimierend.

Donna Leon produziert ihre Brunetti-Romane mit minutiöser Regelmäßigkeit. Jedes Jahr im Frühsommer erscheint im Diogenes Verlag die deutsche Übersetzung des Buchs, das ein Jahr zuvor bereits im englischen Original erschienen war. Im Falle von "Das goldene Ei" mag man gemäß dem Trend der letzten Brunetti-Romane so langsam aber sicher schon nicht mehr von einem neuen "Fall" Brunettis reden, schon gar nicht von einem "Kriminalroman". Als Leser ist man glücklich darüber, das Altbekannte sowohl in Brunettis Questura als auch in dessen trautem Heim wieder vorzufinden, so dass man sich gerne an Brunettis Fersen heftet und ihn bei seinen beruflichen und privaten Schritten begleitet.

Was einst im Jahre 1992 bzw. ein Jahr später mit der Veröffentlichung der deutschsprachigen Ausgabe von "Venezianisches Finale" begann, hat bis zum heutigen Tage eine mehr als zwanzig Jahre dauernde Erfolgsgeschichte geschrieben. In ihren ersten Romanen schickte Donna Leon ihren Commissario noch in richtige Kriminalfälle und forderte ihn in seiner Funktion als polizeilichen Ermittler. Doch in der Folgezeit begann die Autorin einen Kurs einzuschlagen, der mit dem neuesten Roman wieder einmal bestätigt wird. Brunetti muss im kriminalistischen Sinne keine Fälle mehr aufklären, sondern ermittelt vielmehr in Nicht-Fällen und gesellschaftlichen Themen. Aus Kriminalromanen wurden praktisch Gesellschaftsromane. Die Fans von Leon und Brunetti sind diesen Weg mitgegangen, wie der ungebrochene Erfolg der Serie zeigt.

Was im vorliegenden Buch so sehr schockiert, ist die aufgezeigte Möglichkeit, dass selbst in Erste-Welt-Ländern Menschen quasi nicht existieren und zu Lebzeiten wie auch im Tode für jedermann unsichtbar sein können. Nur wenn Menschen wie Paola mit ihrer Hartnäckigkeit den Dingen auf den Grund gehen wollen und dafür ihren Ehemann instrumentalisieren können, dann haben diese verlorenen Seelen die Chance, dem irdischen Dasein angemessen Lebewohl zu sagen. Im Gegensatz dazu lebt es sich als korrupter und machtgieriger Mensch ganz angenehm. Bezüge zu lebenden Personen, womöglich in Italien, wird Donna Leon auf Nachfrage garantiert leugnen.

"Das goldene Ei" ist ein sehr leises Buch und weit entfernt vom Krimi-Genre. Dass Donna Leon im hohen Alter von fast 72 Jahren nochmal einen Kurswechsel für ihren Guido Brunetti einlegt, erscheint doch sehr unwahrscheinlich. Wer substantielle Krimikost erwartet, hat den Brunetti-Romanen wahrscheinlich schon vor längerer Zeit den Rücken gekehrt oder aber ist dabei geblieben, weil er die Charaktere und Gewohnheiten der Brunettis so sehr liebgewonnen hat und ganz einfach nicht ohne sie kann. Für Nachschub ist gemäß oben erwähnter Taktung natürlich bereits gesorgt: Numero 23 der Serie ist im englischen Original bereits unter dem Titel "By its cover" erschienen, bezüglich der deutschen Ausgabe dann im Frühsommer 2015 dazu mehr auf diesem Kanal.

Christoph Mahnel
04.08.2014

 
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Das Buch:

Donna Leon: Das goldene Ei

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Zrich: Diogenes Verlag 2014
368 S., 22,90
ISBN 978-3-257-06891-7

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