Krimis & Thriller
„Wanderer, kommst Du nach Sparta, ...“
Während Athen als Wiege der Demokratie in der griechischen Antike durchgängig gut wegkommt, haben die rivalisierenden Spartaner so ihre liebe Mühe mit einer positiven Öffentlichkeitsarbeit. Die relativ kleine Population der auch als Lakedaimonier bezeichneten Volksgruppe hatte ihre Vormachtsstellung auf der peloponnesischen Halbinsel insbesondere auf ihrer Militärmacht begründet, was für gewöhnlich weniger nachhaltigen Ruhm nach sich zieht als etwaige Durchbrüche auf den Ebenen der Politik, Kunst oder Wissenschaften.
Die Geschichte Spartas hat der Engländer Tobias Hill als Hintergrund für seinen neuesten Roman „Verborgen“ gewählt. Dabei sei darauf verwiesen, dass sich die Faktenlage für die Geschichte Spartas als äußerst dürftig darstellt. Kaum ein Reich dieser Größe und vor allem dieser historischen Bedeutung hat so wenig Geschriebenes wie auch Archäologisches hinterlassen wie die Polis im Süden der Peloponnes. Exakt auf diese Defizite zielt Hill im vorliegenden Roman ab, lässt er seinen Protagonisten Ben Mercer doch an Ausgrabungsarbeiten im Hier und Jetzt teilnehmen, um genau diese Lücken sukzessive zu schließen.
Der Archäologe Ben Mercer hat seine Heimat England verlassen und zugleich seine gescheiterte Ehe mit Emine sowie die gemeinsame Tochter Nessie. Zunächst hält sich Ben in Griechenland mehr schlecht als recht mit Aushilfsarbeiten über Wasser, bevor ihm in dem Restaurant, in dem er arbeitet, ein alter Bekannter aus Oxford über den Weg läuft. Jener Eberhard Sauer berichtet ihm von Ausgrabungen auf dem Peloponnes, die Ben die Möglichkeit bieten, selbst ein Teil derjenigen Ausgrabungen zu sein, die die Wissenschaft mehr über Sparta erfahren lassen.
Der Leser erfährt von Hill ebenfalls einiges über Sparta, was dem Aufbau des vorliegenden Buches geschuldet ist. Nahezu jedes zweite Kapitel ist mit der Überschrift „Aufzeichnungen für eine Doktorarbeit“ versehen. Die Aufzeichnungen selbst stammen aus der Feder Ben Mercers und lassen die antiken Highlights Spartas, wie z. B. die Schlacht bei den Thermopylen, wieder aufleben. Letztlich vervollständigen die historischen Hintergrundinformationen das Bild eines spartanischen Terrorregimes, was wiederum geschickt als Vorbereitung für die Stoßrichtung der eigentlichen Handlung rund um den Ausgrabungstrupp dient.
Obgleich „Verborgen“ schon auf dem Cover als Thriller bezeichnet wird, arbeitet Hill keineswegs einen vordergründigen Spannungsbogen heraus. Die Schilderung der Vorgänge im Grabungsteam legen nämlich bisweilen eine Dynamik an den Tag, die Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“ alle Ehre machen würde. „Verborgen“ wird diejenigen Leser enttäuschen, die auf das „Vorankommen“ einer Geschichte lauern und Fortschritte eher in der Handlung erwarten als im Zusammenspiel einer Gruppe von Menschen. „Verborgen“ sollte daher besser als literarischer Thriller firmieren, denn Hill versteht es exzellent, eine subtile Spannung aufzubauen und dabei mit Worten Andeutungen zu machen, die langsam und ohne viel Pulverdampf zum Kern der Sache führen.
Gewiss werden viele Leser „Verborgen“ am Ende des Tages aus der Hand legen und zunächst nicht richtig wissen, ob sie es unter ihren persönlichen Favoriten einordnen sollen oder doch eher in der zweiten Reihe des heimischen Bücherschranks. Hill hat viel Symbolik in seinen Roman eingearbeitet und lädt den Leser ein, Parallelen zwischen dem spartanischen Terror und den Vorkommnissen in einer archäologischen Gruppe zu ziehen. „Verborgen“ lebt von seiner Atmosphäre, die von Hill gekonnt mit Worten aufgebaut wird. Freunde von Büchern, die etwas Neues, noch nicht Dagewesenes darstellen, werden sich sicherlich auf „Verborgen“ stürzen. Wer nach mehr Handlung und weniger feinen Worten strebt, der ist dagegen auf den Tischen in der ersten Reihe seiner Lieblingsbuchhandlung besser beraten.
Christoph Mahnel
21.11.2011







