Krimis & Thriller

Schuldig im Sinne der Anklage?

Der Fall in Scott Turows neuem Thriller scheint v?llig klar zu sein: Barbara Sabich liegt morgens tot im Ehebett, doch ihr Gatte Rusty, immerhin leitender Richter am Berufungsgericht, ruft nicht etwa einen Notarzt oder verst?ndigt die Beh?rden. Stattdessen l?sst er volle vierundzwanzig Stunden verstreichen, ehe er seinen einzigen Sohn Nat informiert. F?r Oberstaatsanwalt Tommy Molto, einen alten Widersacher des Richters, steht fest, dass Rusty etwas mit dem Tod seiner Frau zu tun haben muss, und so erhebt er Anklage gegen Sabich. Doch es fehlt "Der letzte Beweis" f?r die Schuld des Richters.

Die Anklage

?ber zwanzig Jahre hat der Staatsanwalt auf diese Gelegenheit warten m?ssen, um einen nahezu unausl?schlichen Makel seiner glorreichen Laufbahn beseitigen zu k?nnen. Damals hat er Rusty Sabich schon einmal vor das Gericht gebracht, wo er allerdings scheiterte, weil er nicht beweisen konnte, dass sein Kontrahent f?r den Tod einer Kollegin aus der Staatsanwaltschaft verantwortlich war, mit der Sabich ein Verh?ltnis hatte. Die Tatsache, dass der jetzige Berufungsrichter damals nicht f?r ein von ihm vermeintlich begangenes Kapitalverbrechen bestraft wurde, und die Vorkommnisse um den Tod von Barbara Sabich machen Rusty eindeutig als m?glichen Wiederholungst?ter verd?chtig.

Und wie sich herausstellt, h?tte er durchaus einen triftigen Grund, seine manisch depressive Gattin nach 36 Jahren Ehe zu beseitigen: Er hat eine heimliche Aff?re mit der mehr als 25 Jahre j?ngeren Anna, einer ehemaligen Referendarin, f?r die er sogar die Scheidung von Barbara in Erw?gung zieht. Die Indizien, die Tommy Molto mit seinem ehrgeizigen Kollegen Jim Brand sammelt, sprechen jedenfalls eindeutig gegen Rusty, der unter Mordverdacht ger?t, weil nachgewiesen werden kann, dass seine Frau nicht wie zun?chst angenommen eines nat?rlichen Todes gestorben ist, sondern an einer aufgrund der von Rusty provozierten Verz?gerung der Obduktion nur schwer erkennbaren ?berdosis ihrer eigenen Medikamente.    

Der Prozess

So entspinnt Scott Turow einen gutdurchdachten Indizienprozess, in dem jeder seine wohlgew?hlte Position hat, aus welcher der Fall beleuchtet wird. Aufgrund des vorgeschalteten ersten Teils kennt der Leser dabei einige wesentliche Details, die nicht allen Prozessbeteiligten bekannt sind, ohne damit jedoch einen Vorteil gegen?ber den Protagonisten zu haben. So stellt sich beim Lesen unweigerlich das Gef?hl ein, zu wissen, dass man eigentlich gar nichts wei?. Erst nach und nach f?gen sich die verschiedenen Teile zusammen, ohne jedoch ein gro?es Ganzes zu ergeben.

Geschickt spielt der Autor mit den verschieden Blickwinkeln, wobei der Angeklagte und seine Vertauten immer aus der Ich-Perspektive erz?hlen. Durch diesen Kunstgriff gelingt es Turow, gr??ere N?he zum Hauptverd?chtigen zu schaffen und die bei ihm und seinem Sohn ausgel?sten Emotionen w?hrend des Prozesses zu intensivieren, wohingegen die Distanz zu den Vertretern der Anklage automatisch gr??er wird, ohne dass diese jedoch weniger farbig gezeichnet w?ren. Au?erdem verschiebt Turow gekonnt unterschiedliche Zeitebenen ineinander, welche Rustys Aff?re, Barbaras Tod, den Zeitpunkt der Anklage und den Prozess selbst umfassen, und verleiht dem Geschehen so eine unglaubliche Dichte und Stringenz.

Das Urteil

Dass Scott Turow selbst Anwalt ist, merkt man der Darstellung der Verhandlung in jeder Sekunde an. Seine Kunst besteht aber darin, den Prozess so aufzuziehen, dass sein Thriller ohne Probleme als Drehbuch f?r einen gro?artigen Film dienen k?nnte, weil sich sein Erz?hlstil durch eine unvergleichliche Szenenhaftigkeit auszeichnet, die das Innenleben der beteiligten Protagonisten nach au?en kehrt und diese mit psychologischem Feingef?hl an der Bruchkante ihrer seelischen Abgr?nde einf?ngt. Dieses Buch ist nicht nur "Der letzte Beweis" f?r das literarische Verm?gen des Meisters des Justizthrillers Scott Turow, sondern auch ein Pl?doyer daf?r, dass die Wahrheit meist unentdeckt im Verborgenen schlummert.   

Christian G?tz
13.09.2010

 
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Das Buch:

Scott Turow: Der letzte Beweis. Thriller. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

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Mnchen: Karl Blessing Verlag 2010
576 S., 21,95
ISBN: 978-3-89667-424-1

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