Krimis & Thriller
Küsschen links, Küsschen rechts
Bruno, der allseits beliebte Dorfpolizist von Saint-Denis, ist auf dem besten Wege der Genesung. Nachdem ihn seine beiden letzten Fälle körperlich bis aufs Äußerste gefordert hatten, waren die letzten Wochen und Monate seiner physischen Wiederherstellung gewidmet. Doch nun richtet sich seine Aufmerksamkeit jäh auf einen neuen Fall, als er an einem Frühwintermorgen am Straßenrand eine Frau tot in ihrem Auto auffindet. Offensichtlich hat sich Monique Duhamel, eine erfolgreiche Unternehmerin in der Region, das Leben genommen. Im Gegensatz zu ihren beruflichen Erfolgen war ihre Ehe trist und kinderlos geblieben. Nach einer kürzlich erlittenen Fehlgeburt hatte sie ihren Kinderwunsch endgültig aufgegeben und womöglich war ihr dieser Gedanke unerträglich, so dass sie den Freitod gewählt hat. Ihre Geschäftspartnerinnen und Angestellten sind schockiert, doch hat Monique in mehreren Abschiedsbriefen den Fortbestand ihres Unternehmens organisiert und juristisch geregelt.
Martin Walkers achtzehnter Bruno-Roman ist dieser Tage in den Buchläden erschienen. Er trägt den Titel "Bredouille" und führt die vor siebzehn Jahren mit seinem Debütroman "Bruno, Chef de police" initiierte Reihe seit jeher im konsequenten Jahrestakt fort. In diesen nunmehr fast zwei Jahrzehnten haben Bruno und sein stetig wachsender Freundeskreis viel erlebt, Höhen und Tiefen, häufig lukullische Genüsse, aber auch traurige und tragische Stunden. So sind dem Leser über die Jahre hinweg Saint-Denis und seine Bewohner ans Herz gewachsen, so dass man auch dann zum neuesten "Bruno" greift, wenn die Reihe mal punktuell geschwächelt hat, da naturgemäß nicht jede Neuerscheinung alle vorherigen Romane in den Schatten stellen und übertreffen kann. Doch mit dem vorliegenden Buch hat der schottische Schriftsteller wieder einmal einen Volltreffer gelandet, da die Handlung einen nicht unbedingt zu erwartenden Spannungsbogen hinlegt und sich auch für Bruno neue Gelegenheiten ergeben.
Doch bevor es soweit ist, hat Bruno viel Gegenfeuer abzuwehren. Die deutsche Übersetzung ist mit "Bredouille" sehr gelungen, weil ins Schwarze treffend. Bruno befindet sich wahrlich in der Bredouille, nachdem er unangenehme Vorkommnisse in Saint-Denis und in der Gendarmerie auf seine eigene Art und Weise zu regeln versucht hat. So sind seine Hilfestellungen rund um die Eheprobleme von Xavier und dessen Frau, aber auch seine Ermittlungen gegen drei junge Gendarmen zwar gut gemeint, doch nicht von unmittelbarem Erfolg gekrönt. Einer der abtrünnigen Gendarmen weiß einen mächtigen Onkel in Paris hinter sich, der die Familie zu beschützen versucht, indem er Bruno maximal diskreditiert. Der Verzweiflung nahe kann sich Bruno allerdings der Unterstützung seiner Freunde und Kollegen in der Mairie sicher sein.
Die amourösen Ambitionen Brunos erhalten in "Bredouille" endlich wieder Nahrung. Der begehrteste Junggeselle im Périgord war in seinen bisherigen siebzehn Auftritten lediglich den Avancen von Pamela und Isabelle erlegen, die beide allerdings mittlerweile "nur noch" gute Freundinnen für Bruno sind. Doch lässt nun Laura, eine der Kolleginnen der Verstorbenen, Brunos Herz höher schlagen. Will er es sich anfangs noch nicht eingestehen, sorgt schließlich ein Brief von Isabelle aus Paris dafür, dass Bruno sich für neues Glück öffnet. Womöglich fällt dabei auch für Balzac, Brunos treuen Basset, etwas ab, da Laura mit George Sand ebenfalls einen Basset an ihrer Seite weiß.
Es busselt wahrlich sehr in Saint-Denis. Der Freundeskreis von Bruno wächst in "Bredouille" weiter an und wird dabei immer weiblicher. Gemäß der französischen Tradition werden zur Begrüßung stets Unmengen von "bises" verteilt, Wangen berühren sich erst links, dann rechts. Es wäre sehr vermessen zu behaupten, dass Bruno diese Tradition nicht genießen würde. Außergewöhnlich ist hingegen die vom Autor für "Bredouille" gewählte Jahreszeit, da bisher nur wenige seiner Bücher im November bzw. der Vorweihnachtszeit spielten. Aber so kommt der Leser in den Genuss von Brunos Auftritt als Père Noël. Auf jeden Fall hat Martin Walker im vorliegenden Roman viel Potential für das zukünftige Liebesleben Brunos aufgebaut. Im englischsprachigen Original wird bereits in diesem Sommer mit "A Murder in Springtime" der neunzehnte Bruno-Roman erscheinen, der vom Diogenes Verlag garantiert im kommenden Frühjahr die hiesigen Buchläden bereichern wird.
Christoph Mahnel
22.06.2026
