Krimis & Thriller

Nordschwedische Alptrume in verschlossenen Kellerrumen

In den Wäldern Nordschwedens wird ein Mann in einem verlassenen Haus tot aufgefunden. Der arbeitslose Schauspieler scheint elendig verhungert zu sein. Zwei Finger wurden von seiner Hand abgetrennt, was die Spur zum organisierten Verbrechen zu führen scheint. Noch weiter nördlich und bereits jenseits des Polarkreises wurde kürzlich ebenfalls ein Mann mittleren Alters in einem Haus eingesperrt und zurückgelassen. Er hatte jedoch Glück, dass er rechtzeitig entdeckt wurde. Zu den Ermittlungen um den verhungerten Mann wird die lokal verwurzelte Eira Sjödin herangezogen. Die junge Polizistin hatte sich vor kurzem heimatnah stationieren lassen, um sich dort besser um ihre demente Mutter kümmern zu können. Nachdem endlich deren Umzug ins Altenwohnheim geregelt ist, verlangt nun der neue Fall Eira erneut alles ab.

Tove Alsterdal hatte ihre Protagonistin Eira Sjödin erst neulich in ihren ersten Fall geschickt, also zumindest war "Sturmrot" als deutsche Übersetzung im Juli dieses Jahres auf den Markt gelangt. Dieser Auftakt zur Eira-Sjödin-Trilogie war sogleich auch richtig gut eingeschlagen bei den hiesigen Freunden skandinavischer Kriminalliteratur. Schon dort war Eira durch Himmel und Hölle gejagt worden, einerseits zwar glücklich wieder zu Hause zu sein mit Zugriff auf ihre demente Mutter, aber andererseits familiär geplagt durch die Verwicklungen ihres Bruders Magnus in die Mordermittlungen. Der herausgebende Rowohlt Verlag hatte bereits beim Erscheinen von "Sturmrot" auf die rasche Aufeinanderfolge der beiden weiteren Bände "Erdschwarz" und "Nebelblau" hingewiesen, was sogleich Lust machte auf eine neue Reihe, bei der nur wenig Wartezeit zu überbrücken sein würde.

In "Erdschwarz" findet sich der Leser nach dem Genuss von "Sturmrot" gleich zurecht. Eira und ihre Kollegen sind bereits bekannt, die Familie von Eira mit ihren Schicksalen ist dem Leser bestens vertraut, genauso wie die dünnbesiedelte Gegend in Norrland. Das traurige Ableben des Schauspielers, den so niemand richtig zu vermissen schien, sorgt für einen tristen Auftakt in Eiras zweitem Fall. Auch scheinen sich Eira und ihre Kollegen mehrfach im Kreis zu drehen bzw. völlig falsche Ermittlungsansätze zu verfolgen. Erst als sie den Bezug zu dem ähnlich verlaufenen Fall in Malmberget herstellen können, kommt schließlich Bewegung in die Sache. Letztlich nimmt die Sache für alle Beteiligten allerdings viel zu viel Dynamik an, als nämlich Eiras Chef verschwindet und über Tage hinweg nicht aufzufinden ist. Erleidet er etwa dasselbe Schicksal wie die beiden anderen Männer, während der Fall wie eine vertrackte Nuss nicht zu knacken sein scheint?

Hat man als Leser einmal den Lesefluss aufgenommen, gibt es in "Erdschwarz" kein Halten mehr. Man benötigt anfänglich etwas Durchhaltevermögen bei den frustrierenden Fehlschlägen der Ermittlungsarbeit, doch sobald Eiras Chef von der Bildfläche verschwindet, möchte man als Leser am besten gleich selbst als Ermittler tätig werden. Dabei wird es einem als Mitteleuropäer nicht unbedingt leichtfallen, die vielen Ortschaften, die von der Autorin als Schauplätze eingeführt werden, geographisch einzuordnen. In Ermangelung einer Übersichtskarte im Buch, die diesem sicherlich gut zu Gesicht gestanden hätte, beginnt man selbst auf Google Maps die Orte nachzuschlagen, um die Entfernungen besser abschätzen zu können und in die eigene Ermittlungsarbeit einfließen zu lassen.

Neben Eira lässt Tove Alsterdal eine zweite Hauptdarstellerin in "Erdschwarz" gewähren, nämlich die Natur. Mit ihrer unendlichen Weite und den Unwägbarkeiten der Witterung gestaltet sie maßgeblich die Atmosphäre und liefert die Kulisse für einen atemberaubenden Fall. Eira und der Leserschaft wird die Luft auch nach der Lösung des Falles noch einmal genommen, wenn nämlich Eira eine Nachricht erhält, die maßgeblich für ihr weiteres Leben sein dürfte. Nicht nur deswegen, sondern auch wegen des stimmigen Gesamtpakets von Spannung, Charakteren und Hintergrundkulisse freut sich jeder Leser nach "Erdschwarz" schon heute auf den kommenden Sommer, wenn nämlich im Juli 2023 mit "Nebelblau" der abschließende Teil der Eira-Sjödin-Trilogie erscheinen wird.

Christoph Mahnel 
05.12.2022

 
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Das Buch:

Tove Alsterdal: Erdschwarz. Kriminalroman. Aus dem Schwedischen von Hanna Granz

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Hamburg: Rowohlt Polaris 2022 400 S., 17,00 ISBN: 978-3-499-00779-8

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