Krimis & Thriller

Von der Wiege bis zur Bahre

Roland Baines verlebt als Sohn eines englischen Militärangehörigen bereits in frühen Jahren sehr wechselhafte Jahre. Teile seiner Kindheit in den Fünfzigern verbrachte er in Libyen, bis seine Eltern beschließen, dass er seine schulische Laufbahn auf einem Internat in England verbringen möge. Dort gerät der musikalisch begabte Junge in die Fänge seiner gut zehn Jahre älteren Klavierlehrerin. Diese vergeht sich an dem Jungen, worauf dessen Gefühlsleben aus den Fugen gerät. Wenige Jahre später sucht er als Heranwachsender aktiv den amourösen Kontakt zu ihr. Die Schule bricht Roland frühzeitig ab und verdingt sich auf unterschiedliche Weise im Leben. Mit seiner deutschen Frau Alissa bekommt er einen Sohn und gründet in den achtziger Jahren eine Familie. Doch verlässt die Mutter urplötzlich die junge Familie, um sich ihrer eigenen schriftstellerischen Karriere zu widmen. Das Leben von Roland und dem Baby mäandert fortan mal schlecht, mal recht vor sich hin.

Die Lebensgeschichte des Roland Baines besitzt viele Anlehnungen an die des Ian McEwan. Der hochdekorierte britische Autor, selbst schon mitten in seinen Siebzigern angekommen, hat in seinem neuesten Roman "Lektionen" ein Epos über sein partielles Alter Ego verfasst. Herausgekommen ist dabei ein über 700 Seiten umfassendes Werk, das sich von den frühen Fünfzigern mit den kolonialen Strukturen der damaligen Welt bis ins Hier und Jetzt in die Corona-Pandemie erstreckt. McEwan hat mit Roland Baines einen prinzipiell recht blassen und durchschnittlichen Charakter zum Protagonisten erkoren, auf Basis von dessen Leben er sich an verschiedenen Begebenheiten der Geschichte abarbeitet und seine eigene Sicht über Aspekte des Lebens breit ausrollt. So schwingt sich "Lektionen" zum Lebenswerk von Ian McEwan in dessen beträchtlicher und ruhmreicher Bibliographie auf.

Bei dem im Diogenes Verlag erschienenen, stolz daherkommenden Hardcover-Exemplar, auf dessen Titelbild ein Junge am Klavier prangt, hat man zeitweise das Gefühl einem Werk von John Irving aufzusitzen, so behände fabuliert der Autor über ein ganzes Leben und dessen teilweise skurril verlaufende Wendungen. Anfangs muss man sich als Leser den Heerscharen von Charakteren aus unterschiedlichen Lebensabschnitten stellen und für sich selbst eine Struktur in den Familien und Institutionen finden. McEwan schert sich nämlich wenig um eine chronologische Geradlinigkeit, stattdessen hüpft er in der Zeit scheinbar beliebig vor und zurück. Doch sobald man die Fixpunkte in Roland Baines' Leben sowie auf der Zeitachse ausgemacht hat, wird "Lektionen" zu einem großartigen Lesevergnügen. Vor allem glänzt das vorliegende Buch, wenn die Charaktere in ihrer Unterschiedlichkeit aufeinandertreffen und Tacheles die Oberhand gewinnt.

Ian McEwan hätte sicherlich seine eigene Sicht auf die Dinge des Lebens etwas weniger ausufernd und deutlich komprimierter zum Besten geben können, auch sorgen seine sehr spezifischen Abschweifungen zu literarischen Aspekten beim gemeinen Leser nicht immer für Kurzweil. Greifbar wird "Lektionen" durch die Einarbeitung geschichtlicher Meilensteine wie das Reaktorunglück von Tschernobyl mit seinen Folgen für die westeuropäischen Länder oder den Fall der Mauer. Selbst die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf einen dann schon im Spätherbst seines Lebens angekommenen Hauptdarsteller bleiben nicht unerwähnt. Geschickt verwebt McEwan elementare moralische Fragestellungen in ein ganzes Leben von der Wiege bis zur Bahre.

"Lektionen" zeigt, dass selbst ein durchschnittliches Leben spannend genug für ein richtig dickes Buch sein kann. Vor allem aber regt es an, darüber zu reflektieren, was einen als Menschen prägt und nachhaltig beeinflusst. Welche Ereignisse, Beziehungen, Vorfälle und Schicksalsschläge haben einen denn zu dem Menschen werden lassen, der man letztlich geworden ist? Ian McEwan wagt in "Lektionen" einen Einblick in seinen Erfahrungsschatz eines Dreivierteljahrhunderts irdischen Daseins und seinen eigenen Werdegang, finden sich doch viele Parallelen zwischen dem fiktiven Roland Baines und dem realen Ian McEwan. "Lektionen" ist ein durchweg gelungener Wurf eines großen Schriftstellers und Geschichtenerzählers, der das Œuvre des Erfolgsautors definitiv um einen wichtigen Baustein ergänzt und weiter aufwertet.

Christoph Mahnel 
19.12.2022

 
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Das Buch:

Ian McEwan: Lektionen. Aus dem Englischen von Bernhard Robben

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Zrich: Diogenes Verlag 2022 720 S., 32,00 ISBN: 978-3-257-07213-6

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