Krimis & Thriller

Pianissimo

Commissario Guido Brunetti ist sichtlich überrascht, eines Tages Elisabetta Foscarini in der Questura anzutreffen. Die ehemalige Jugendfreundin Brunettis und Nachbarin aus frühen Kindheitstagen wendet sich mit einer heiklen Bitte an ihn. Sie ist äußerst besorgt um ihre Tochter Flora und deren Ehemann. Sie Tierärztin, er Buchhalter, wer mag den beiden Böses wollen? Elisabetta bleibt weitestgehend unkonkret und verläuft sich größtenteils in Vermutungen und Andeutungen. Sie möchte keine offizielle Ermittlung anstoßen, sondern Brunetti als alten Freund bitten, der Sache nachzugehen. Ein guter Mensch wie der Commissario kann hier natürlich nicht ablehnen und involviert sogar einige Kollegen aus der Questura für Recherchen. Wenig Verdächtiges ergibt sich zunächst, bis ein Einbruch in Floras Praxis nicht nur diese auf den Kopf stellt.

Brunetti und Co. weiten ihre Ermittlungen aus und stoßen dabei auf eine wohltätige Stiftung, der Elisabettas Ehemann Bruno vorsteht. "Belize nel Cuore" hat sich der Aufgabe verschrieben, ein Krankenhaus im mittelamerikanischen Belize auf- und auszubauen. Als Buchhalter fungierte anfangs auch Brunos Schwiegersohn, der sich allerdings irgendwann ohne Angabe von Gründen zurückzog. Tiefergehende Investigationen zeigen schließlich, dass Elisabettas Mann nicht unbedingt der Wohltäter ist, der er zu sein vorgibt. Brunetti ist in einem Dilemma gefangen: Soll er die Stiftung und damit auch die Familie Foscarini dem Finanzamt zum Fraß vorwerfen und dabei seine eigenen anfangs inoffiziellen Aktivitäten erklären müssen? Oder soll er die Spielchen Elisabettas, die sich mit dreistem Kalkül an Brunetti gewandt hatte, ignorieren und den Mantel des Schweigens darüberlegen?

"Milde Gaben" lautet der Titel des einunddreißigsten Brunetti-Romans aus der Feder von Donna Leon. Die Wahl-Venezianerin aus den Vereinigten Staaten feiert noch in diesem Herbst ihren achtzigsten Geburtstag. Als sie einst zu ihrem Fünfzigsten mit "Venezianisches Finale" ihr Brunetti-Debüt feierte, dachte sie wahrscheinlich im Leben nicht daran, einmal eine solche Erfolgsstory hinlegen zu können. Jahr für Jahr lässt sie einen neuen Fall um den empathischen Familienmenschen vom Stapel, erst im englischen Original, bevor etwas später beim Diogenes Verlag die deutsche Übersetzung erscheint. Auf die Publikation italienischer Ausgaben hält die Autorin immer noch ihr Veto aufrecht, da sie in Venedig gerne so weit wie möglich unerkannt bleiben möchte. Vielleicht auch, weil sie durch ihre Beschreibungen vieler Machenschaften nicht als Nestbeschmutzerin gelten möchte.

Der vorliegende Roman gehört definitiv zu den leiseren Episoden aus dem Brunetti-Opus. Nachdem Donna Leon in den vergangenen Jahren hin und wieder einmal hat aufblitzen lassen, dass sie es noch immer vermag, wie in frühen Jahren auch mehr oder weniger spannende Kriminalromane zu schreiben, ist "Milde Gaben" diesbezüglich ein klarer Rückfall ins Pianissimo. Inoffiziell und mit halber Kraft beginnt Brunetti unterstützt durch einige seiner Kollegen Fährten zu verfolgen, aber auch nach dem Einbruch in die Praxis von Elisabettas Tochter nimmt die Geschichte keineswegs Fahrt auf, sondern spielt weiterhin die ganz leisen Töne. "Milde Gaben" lebt hingegen eher vom Spiel der schönen Unbekannten aus Brunettis Kindheitstagen, die ihre ganz eigene Sicht auf die Menschen hat und in Sachen Manipulation höchst bewandert ist.

Brunetti-Fans hingegen werden vor allem die Abendessen im Kreise von dessen Familie vermissen. Selten gab es so wenige bis gar keine Momente mit Brunettis Liebsten und deren lukullischer Lieblingsbeschäftigung. Sehr präsent ist allerdings die Corona-Pandemie, sicherlich auch bedingt durch die extrem starke Belastung des italienischen Nordens im Frühjahr 2020. Geprägt davon hat Leon den gesamten Hintergrund des vorliegenden Romans entsprechend ausstaffiert. Masken, Ladenschließungen und Verhaltensweisen im Angesicht der Pandemie sind ein ständiger Begleiter in "Milde Gaben". Es bleibt zu hoffen, dass trotz Leons fortgeschrittenem Alter noch einige Brunetti-Romane das Licht der Welt erblicken, dann aber bitte mit weniger Corona und wieder ein paar Fortissimo-Einlagen.

Christoph Mahnel 
01.08.2022

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Donna Leon: Milde Gaben. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

CMS_IMGTITLE[1]

Zrich: Diogenes Verlag 2022 352 S., 25,00 ISBN: 978-3-257-07190-0

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.