Krimis & Thriller

Terror in der Eifel

Ostern 1978: Sanne und Ulrike, zwei elfjährige Mädchen aus einem kleinen Dorf in der Eifel wachsen in Wurfweite zur luxemburgischen Grenze auf. Jetzt stehen die Ferien vor der Tür, was den beiden erlaubt, ihre Erkundungstouren durch die Wälder der Gegend wieder zu intensivieren. Ihr Rückzugspunkt ist ein gut versteckter Hochsitz, von dem aus sie allerlei beobachten, was garantiert nicht für andere Augen bestimmt sein soll. Wenn sich beispielsweise der Bürgermeister im Wald mit Frau Söhnker trifft, dann werden Sanne und Ulrike zu Zeugen gut gehüteter Geheimnisse. Doch die Mädchen treibt gerade vor allem die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft in Argentinien um. Während Sannes ältere Brüder Geld von ihren Eltern erhalten, um sich Sammelbilder kaufen zu können, geht sie als Mädchen leer aus. Doch Sanne und Ulrike wissen sich zu helfen und stibitzen aus dem Zimmer der Jungs den einen oder anderen Peruaner oder Holländer. Selbst vor Hanuta-Diebstählen im ortsansässigen Tante-Emma-Laden schrecken sie nicht zurück.

Doch dann überschlagen sich kurz vor Ostern die Ereignisse in diesem beschaulichen Nest mit einer überschaubaren Anzahl an Höfen. Einer der drei Peters-Brüder scheint mit dem Motorrad einen schrecklichen Unfall fabriziert zu haben, doch die Ursache seines Todes war definitiv eine andere, natürlich beobachtet von Sanne und Ulrike. In einer Nachbargemeinde wird schließlich eine Bank überfallen, was angesichts der gegenwärtigen nationalen Terrorlage gleich den Verdacht aufwirft, dass hier der einzige Langhaarige des Ortes als Täter in Frage kommen muss. Und dann ist da noch der geheimnisvolle Unbekannte, der sich von einem Chauffeur durch die Gegend kutschieren lässt, an einzelnen Höfen haltmacht und finanzielle Angebote für diese unterbreitet, was für viel Ungemach in der Dorfgemeinschaft sorgt. Mittendrin sind Sanne und Ulrike, die bald feststellen müssen, dass aus dem Spiel ihrer Beobachtungen eine todernste Gefahr für Leib und Leben erwachsen ist.

Passend zum Beobachtungsposten der Mädchen trägt der neueste Roman von Max Annas den Titel "Der Hochsitz". Auf rund 270 Seiten entführt er seine Leser in bundesrepublikanisches Grenzgebiet zur Hochzeit des RAF-Terrors. Annas hat nach langen Jahren als Journalist und Redakteur vor einiger Zeit das Schreiben von Romanen für sich entdeckt. Seinem preisgekrönten Debüt "Die Farm" aus dem Jahre 2014 ließ er bereits einige nicht minder erfolgreiche Werke folgen, nun also "Der Hochsitz" mit einer wirklich eigentümlichen äußeren Form. Stakkatoartig erzählt er die Geschichte rund um die turbulenten Ereignisse im deutsch-luxemburgischen Grenzgebiet in insgesamt 109 Kurz-Kapiteln, bevor er schließlich das Ganze im allerletzten Kapitel auf die Spitze treibt, wenn er den Showdown mit sage und schreibe 38 Perspektivwechseln auf gerade einmal 18 Seiten zum Besten gibt.

"Der Hochsitz" funktioniert somit völlig anders als herkömmliche Krimis, in denen Charaktere entwickelt werden, Handlungsstränge sortiert vorliegen und man als Leser entweder einer bestimmten Person folgt oder eine allwissende Perspektive einnimmt. Hier hingegen erhält man Fragmente mit Informationen aus allen möglichen Perspektiven. Gerade der mitunter naive Blickwinkel der beiden Kinder sorgt dafür, dass man sich manches Mal an "Glenkill" erinnert fühlt, wenn aus der Perspektive von Schafen ein Mord aufgeklärt werden muss. So spielt der Autor sein Spielchen mit dem Leser und den Figuren des Dorfes, was den Lesefluss mitunter ausbremst, da man das Buch ob der unzähligen Kapitel an so vielen Stellen aus der Hand legen kann. Mit dem mysteriösen Alten, der mit seinem Geld die Dorfbewohner wuschelig macht, wird sich der Leser an Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" erinnert fühlen.

"Der Hochsitz" ist ein Buch, für das es beim Leser auf die richtige Erwartungshaltung ankommt. Wer einen flott erzählten Coming-of-Age-Krimi mit zeitgeschichtlichen Bezügen und regionalem Flair erwartet, wird sich sicherlich fragen, was er denn da in die Hände bekommen hat. Wer hingegen experimentellen Ansätzen gegenüber nicht abgeneigt ist, wird sich unter Garantie daran erfreuen, dass hier ein Autor nicht den ausgetretenen Wegen folgt, und es über die eigentlichen Kriminalfälle im Buch hinaus spannend finden, die Andeutungen und scheinbar nicht vorhandenen Zusammenhänge selbst miteinander zu verweben und die Beobachtungen aus Kinderaugen in den Gesamtkontext einzuordnen.

Christoph Mahnel 
25.10.2021

 
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Das Buch:

Max Annas: Der Hochsitz

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Hamburg: Rowohlt Hundert Augen 2021 272 S., 22,00 ISBN: 978-3-498-00208-4

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