Krimis & Thriller

Schuster, bleib bei Deinem Leisten!

Neuhaus, bisher als Ermittler beim Bundeskriminalamt tätig, ergreift eine neue berufliche Chance. Er verlässt seine bisherige Heimat Frankfurt, um nach Berlin überzusiedeln, wo die SETA als "Sondereinheit Terrorabwehr" nach den Terroranschlägen auf dem Berliner Weihnachtsmarkt gegründet worden ist. Dort angekommen bleibt ihm kaum Zeit, sich in seiner neuen Einheit zurechtzufinden, da sogleich ein Mord mit politischem Hintergrund geschieht. Neuhaus begibt sich mit seiner neuen Kollegin Suna-Marie, die ob ihrer extremen Kurzsichtigkeit in Anlehnung an einen Maulwurf nur "Grabowski" genannt wird, an den Tatort. Ein jüdischer Aktivist wurde offensichtlich ermordet, was angesichts der bevorstehenden Bundestagswahlen für viel Wirbel in den höchsten Etagen sorgt. Neuhaus ist demnach angehalten, den Mord rasch aufzuklären. Doch weit gefehlt, nur kurze Zeit später stirbt eine muslimische Anwältin, und auch Neuhaus gerät ins Visier der Killer, ohne es zu ahnen.

"Der Solist" lautet der Titel des neuesten Romans von Jan Seghers. Der kundige Krimi-Fan wird bei der Nennung des Autors sogleich aufhorchen, schließlich handelt es sich mit Jan Seghers, geboren als Matthias Altenburg, schließlich um den Mann, der mit seinen Marthaler-Romanen eine Bestsellerserie begründet hat, die bereits erfolgreich den Weg ins Fernsehen gefunden hat. Doch während Marthaler stets primär rund um Frankfurt im hessischen Umland operierte, wählt der Autor für seinen neuen Protagonisten einen komplett anderen Hintergrund. Berlin ist die Destination des Solisten Neuhaus, der sich den Titel für diesen Debütroman aufgrund seiner Alleingänge und der Neigung, gerne als einsamer Wolf zu ermitteln, völlig zu Recht verdient hat.

Wer in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten die Marthaler-Romane verschlungen hat und sich immer über die langen Zwischenräume geärgert hat, die der Autor bis zum nächsten Buch hat verstreichen lassen, wird sich angesichts des vorliegenden Werks verwundert die Augen reiben. Denn nicht nur mit Kommissar Marthaler hat Seghers in dieser Reihe Charaktere geformt, die einem über die Jahre ans Herz gewachsen sind. Anno 2006 war mit "Ein allzu schönes Mädchen" der erste Marthaler-Krimi erschienen, fünf weitere waren diesem gefolgt, mit "Menschenfischer" vor vier Jahren das bis dato letzte Buch. In dieser Zeit hat einen neben dem beruflichen Fortkommen Marthalers vor allem das Auf und Ab in der unglücklichen Liaison zu seiner Freundin Tereza berührt. Doch nun alles wie weggeblasen, mit Neuhaus und Grabowski werden zwei Charaktere lieblos in eine Mordserie geworfen, die im Eiltempo erzählt wird, ohne dass sich die Charaktere und die Handlung entfalten können.

"Der Solist" ist ein Büchlein, das mit knapp 240 Seiten daherkommt, wobei viele leere Seiten als Füllmaterial eingebettet wurden, ein großzügiger Zeilenabstand gewählt wurde und auf den Seiten links und rechts ein ordentlich breiter Rand gesetzt wurde. Das dünne Büchlein hätte somit auch noch gut und gerne um etliche Seiten reduziert werden, wobei es dann aber viel Fantasie bei der Argumentation für 20 Euro als Verkaufspreis bedurft hätte. Bereits in der Vergangenheit hatte Seghers seine Romane an reale Vorkommnisse angelehnt, wie z.B. an die Nitribitt-Morde in "Die Akte Rosenherz", die Causa Ypsilanti in "Die Sterntaler-Verschwörung" oder den Mord an Tristan Brübach in "Menschenfischer". Dieses Mal hat sich der Autor nun allerdings verhoben, da er den islamistischen Anschlag von Anis Amri auf dem Berliner Weihnachtsmarkt mit seinen Konsequenzen die Handlung dominieren lässt und die Bundestagswahlen 2017 auch das zeitliche Korsett vorgeben. Dadurch agiert Seghers viel zu nah an der Realität und beraubt sich seiner künstlerischen Gestaltungsfreiheit.

Das vorliegende Buch wird sicherlich bei vielen Lesern für Frustration sorgen, da die Erwartungshaltung bei einer Neuerscheinung aus der Feder eines Jan Seghers enorm hoch ist und man jedes Mal mit einem absoluten Bestseller rechnen darf. Der Autor hat mit seinen Erfolgen in der Vergangenheit die Latte hochgelegt, ist dieses Mal allerdings, ohne zu reißen, glatt untendrunter durchgesprungen. Schade vor allem, weil die beiden zentralen Charaktere prinzipiell gut angelegt sind und Potential haben, Neuhaus mit seiner mysteriösen Familienvergangenheit und Grabowski als sehr spezielle Persönlichkeit. "Der Solist" wirkt wie ein Schnellschuss ob einer vertraglichen Verpflichtung zwischen Autor und Verlag. Jan Seghers möge sich bitte demnächst entweder für seine Berliner Serie mehr Zeit nehmen und der Handlung mehr Raum geben oder einfach wieder in das altbewährte Fahrwasser von Kommissar Marthaler zurückkehren. Denn dann wird garantiert alles wieder gut!

Christoph Mahnel 
26.04.2021

 
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Das Buch:

Jan Seghers: Der Solist

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Hamburg: Rowohlt Hundert Augen 2021 240 S., 20,00 ISBN: 978-3-498-05848-7

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