Krimis & Thriller

Zehn kleine Fingerlein

Während sich Hauptkommissar Claudius Zorn mit seinem Kompagnon Schröder beständig darum streitet, wer unter wem arbeiten darf, um weniger Verantwortung ausgesetzt zu sein, erklimmt Zorns Freundin, die Oberstaatsanwältin Frieda Borck, stringent die Stufen auf der Karriereleiter. Gerade will sie Anklage erheben in einem aufsehenerregenden Prozess, da wird eine Hauptzeugin im Gerichtsgebäude tot auf der Toilette gefunden. Zorn, der dieser Tage mit Frieda zusammengezogen ist, hat somit einen Fall auf dem Tisch liegen, in den er gleichsam doppelt involviert ist. Als kurze Zeit später auch noch eine Tierärztin im Zoo ebenfalls aus heiterem Himmel das Zeitliche segnet, daraufhin deren Mann ähnlich der jungen Frau im Gericht verstirbt, ist die Verwirrung bei den verantwortlichen Ermittlern maximiert.

Zorn, der vor kurzem bereits den Verlust zweier Finger zu beklagen hatte, gehen bei seinen unbeholfenen heimischen Aktivitäten als Handwerker kurzzeitig gar die Lichter aus. Die körperlichen Folgen dieses Unglücks sind allerdings noch fataler und rauben Zorn inmitten der verworrenen Ermittlungen für einen Moment die Lebensgeister. Doch ist es wie so oft Schröder, der nicht nur kriminalistisch mit seiner genialen Intuition für den Durchbruch sorgt, sondern auch bei dem bitteren Zyniker Zorn die richtigen Knöpfe findet, um ihn für die Aufklärung der Mordfälle zu motivieren. Dass sich dabei wieder einmal einige Personen aus dem innersten Kreis des Ermittlerteams in allerhöchste Lebensgefahr begeben, dürfte eigentlich niemanden mehr überraschen.

Stephan Ludwig feiert zusammen mit den von ihm geschaffenen Ermittlern Zorn und Schröder sein erstes großes Jubiläum. Band Numero Zehn ist mit "Zorn - Zahltag" dieser Tage erschienen. Nach seinem Debüt "Zorn - Tod und Regen" im Jahre 2012 hat er in nahezu konsequenter Jahrestaktung nachgelegt und eine Reihe begründet, die zum Besten gehört, was deutschsprachige Autoren in Sachen "Krimis & Thriller" dieser Tage produzieren. Die Verortung der Zorn-Reihe in Halle an der Saale bleibt weiterhin unausgesprochen, ist jedoch ob zahlreicher Indizien offensichtlich. Verfilmungen gibt es bereits auch für die erste Hälfte der zehn Folgen. Zwischenzeitliche Versuche von Stephan Ludwig, sich an anderen Plots zu versuchen, waren deutlich weniger erfolgreich, so dass die Hoffnung besteht, dass er weiterhin diesem Erfolgsgaranten seine volle Aufmerksamkeit widmen wird.

Auf die sonst in Zorn-Romanen üblichen Turbulenzen verzichtet der Autor über lange Strecken, so dass eingefleischte Leser womöglich vergeblich nach schrägen Vorkommnissen lechzen. Lange Zeit macht "Zahltag" den Eindruck, dass dieses Mal lediglich ganz normale Morde in Zorns Umfeld stattfinden. Doch die parallellaufende Geschichte um Natan, einen reichen, alten Mann im Rollstuhl befeuert rasch die Gewissheit, dass hier ein höchst perfides Machwerk seinen Dienst versieht. Stephan Ludwigs großer Verdienst ist es, dass er die Zorn-Romane mit einem Schreibstil versieht, der es einem vermiest, das Buch aus der Hand zu legen. Immer weiter, so hört man sich selbst sagen, wenn die Haltung beim Lesen im Bett Schmerzen verursacht, die Augen zufallen wollen oder die weit fortgeschrittene Uhr sagt, dass man doch vernünftig sein und Schlaf finden möge.

Bei allen Lobgesängen auf Stephan Ludwig und sein so ungleiches, aber gleichzeitig kongeniales Duo Zorn/Schröder muss an dieser Stelle doch ein wenig Essig in den sehr schmackhaften Wein gegossen werden. Nachdem die ersten neun Zorn-Romane eine qualitativ außerordentliche Vertonung als Hörbücher erfahren durften, wurde mit dem Erscheinen von "Zahltag" mit dieser Tradition gebrochen. Dabei war mit David Nathan Deutschlands Hörbuchsprecher Nummer Eins am Start, wenn es darum ging, die Fälle samt der innewohnenden Komik zum Ohr des Hörers zu transportieren. Doch nun, Schluss, aus, Ende! "Zahltag" gibt es lediglich als Taschenbuch sowie als unhaptische E-Book-Ausgabe. Eine Hörbuchausgabe sucht man vergeblich, weder CDs noch Hörbuch-Downloads wurden hierzu produziert. Schade, aber vielleicht bekommen die betroffenen Verlage hier doch noch die Kurve und korrigieren diese offensichtliche Fehlentscheidung nachträglich.

Christoph Mahnel 
01.12.2020

 
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Das Buch:

Stephan Ludwig: Zorn - Zahltag

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Frankfurt am Main: S.Fischer Verlag 2020 384 S., 10,99 ISBN: 978-3-596-70501-6

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