Krimis & Thriller

Die Gier der Serenissima

November in Venedig, eigentlich eine wunderschöne Zeit für Commissario Brunetti, da die Touristenströme versiegt sind und die Serenissima endlich wieder den Venezianern gehört. Da sucht ihn eine Professorenkollegin seiner Ehefrau Paola in der Questura auf. Sie sorgt sich um ihren Sohn, der seit geraumer Zeit auf dem Gymnasium mit Drogen in Kontakt gekommen und immer wieder verhaltensauffällig geworden ist, dafür in seinen schulischen Leistungen erheblich nachgelassen hat. Brunetti kann diese Sorgen einer Mutter sehr gut nachvollziehen, ihr leider jedoch keine konkrete Hilfestellung seitens der Polizei anbieten. Als dann des Nachts der Vater des Jungen mit einer schweren Kopfverletzung an einer Brücke aufgefunden wird, muss Brunetti handeln und dem naheliegenden Verdacht, dass hier das Drogenmilieu seine Finger im Spiel hatte, nachgehen.

"Heimliche Versuchung" firmiert als mittlerweile siebenundzwanzigster Brunetti-Roman aus der Feder von Donna Leon. Ihr allererstes Werk aus dieser Reihe entstammt dem Jahre 1992, also zu einer Zeit, als Helmut Kohl noch Bundeskanzler war und Berti Vogts am Beginn seiner Karriere als Bundestrainer stand. Bei einer Produktion von einem Buch pro Jahr ergibt sich somit eine nahezu lückenlose jährliche Kette aus dieser Vergangenheit bis ins Hier und Jetzt. Brunetti und seine Frau sind in der Reihe zwar nicht in Echtzeit gealtert, doch merkt man beiden die im Laufe der Zeit gesammelten Lebenserfahrungen an. Im vorliegenden Werk fokussiert sich die Autorin auf die Gier des Menschen im Allgemeinen und die des Venezianers im Besonderen. Literarisch widmen sie und Brunetti sich den Dramen von Sophokles, dem antiken griechischen Tragödiendichter, und stellen ihre Bezüge zum aktuellen Fall her.

Tullio Gasparini, der von Fremden attackierte Vater des Jungen, liegt im Koma und Brunetti weiß genau, dass die Familie nie mehr so leben können wird wie zuvor. Aussagen zum Tathergang liegen nicht vor, auch die Ermittlungen in der für Venedigs Schulen verantwortlichen Drogenszene bringen den Commissario nicht weiter. Schließlich begibt sich Brunetti auf ganz dünnes Eis, als er die Integrität des Opfers ob dessen beruflicher Karriere in Frage zu stellen beginnt. Viel Fingerspitzengefühl ist nun gefragt, wenn er mit seinen Vermutungen und Verdächtigungen eine am Boden liegende Familie nicht weiter demütigen möchte. Brunetti, der für seine empathischen Fähigkeiten von seinem Umfeld und seinen Lesern bewundert wird, handelt erstaunlicherweise hochgradig irrational und findet sich schließlich in einer völlig ratlosen Situation ohne Spuren und Anhaltspunkte wieder.

Das vorliegende Werk gehört definitiv zu den besseren Romanen aus der jüngeren Schaffensperiode Donna Leons. Vom Krimi-Genre hat sich die gebürtige US-Amerikanerin schon lange verabschiedet, stattdessen hat die gesellschaftliche Kritik in ihren Büchern immer mehr die Oberhand gewonnen. In "Heimliche Versuchung" hat sie wieder einmal einige Verhaltensweisen fein beobachtet und in die Handlung integriert. Besonders gelungen ist ihr dabei die Auseinandersetzung mit der menschlichen Gier. Bekanntermaßen frisst Gier Hirn. Dank dieser Weisheit wird auch Brunetti letztendlich den Fall wieder einmal einer Aufklärung zuführen können, obgleich die Umfänglichkeit der Aufklärungen in Brunettis Fällen nicht immer lückenlos erfolgt. So bleibt Brunetti stets am Ende ob seiner Handlungsunfähigkeit mit mindestens einer Prise Verzweiflung zurück.

Für Kenner der Reihe hält "Heimliche Versuchung" einige Schmankerl bereit. Da wäre neben dem ungewöhnlichen, weil extrem konzilianten Verhalten von Vice-Questore Patta noch eine Gesetzesübertretung von Signorina Elletra, Brunettis treuer Seele, die gerne mal am Rande der Legalität entlang balanciert, zu verzeichnen. Donna Leon hat mit ihren Brunetti-Romanen eine ungeheure Intimität zwischen den zentralen Figuren und den Lesern aufgebaut, die Jahr für Jahr zu Beginn des Sommers, wenn Leons neuestes Buch erscheint, das Gefühl haben, nach Hause zurückzukehren, und sich genüsslich an den Esstisch der Familie Brunetti setzen, um ein leckeres Abendessen einzunehmen und den witzigen und anspruchsvollen Dialogen am Tisch zu lauschen. Ein Brunetti-Roman ist trotz punktuellen Mord und Totschlags eine wohltuende Entschleunigung für die Hektik des eigenen Lebens und hallt beim Leser auch nach der letzten Seite dank tiefgründiger Denkanstöße zur Spezies Mensch noch nach.

Christoph Mahnel
13.08.2018

 
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Das Buch:

Donna Leon: Heimliche Versuchung. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

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Zrich: Diogenes Verlag 2018
336 S., 24,00
ISBN: 978-3-257-07019-4

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