Kinder- & Jugendliteratur

"Sind wir schuld?"

Es ist ein normaler Schultag. Bis Schüsse fallen. Miriam versteckt sich mit ihrer besten Freundin auf der Toilette. Als sie diese verlassen will, sieht sie sich dem Amokläufer gegenüber. Und auf der anderen Seite des Flures liegt Tobi, Miriams fester Freund, blutend und ihre Hilfe brauchend. Doch Miriam ist erstarrt, sie kann nichts tun. Der verstörte Junge erschießt ihren Freund, bevor er selbst von der Polizei niedergestreckt wird. Die Gefahr ist gebannt, aber Miriams Welt und die ihrer Mitschüler liegt in Trümmern und keiner hat auch nur die leiseste Ahnung, wo man mit dem Wiederaufbau beginnen soll. Ob man überhaupt soll. Was soll man fühlen, denken, tun, wenn von einem Moment auf den anderen plötzlich nichts mehr Sinn ergibt und keiner Antworten für einen hat?

Mit Miriam hat die Autorin augenscheinlich ganz bewusst eine Figur zur Protagonistin erwählt, die eine sehr starke Vorbildfunktion für Jugendliche ausfüllt. Sie ist ... Alle wären gerne wie sie und hätten gerne, was sie hat. In ihrer annähernden Perfektion wirkt Miriam schon beinahe unsympathisch. Doch auch sie ist, wie so viele junge Menschen heutzutage, in zerrütteten Familienverhältnis aufgewachsen und der Leser bemerkt schnell und vielleicht aus eigener Erfahrung, dass Miriams Verhalten zum großen Teil Fassade ist, die über ihre pubertäre Unsicherheit hinwegtäuschen soll.

Tatsächlich ist dies das eigentliche Thema des Romans, noch bevor es überhaupt zu dem Amoklauf kommt: Jugendliche, die nicht wissen, wo sie miteinander stehen und verzweifelt versuchen, ihren Wert zu definieren - und sei es über das Ausgrenzen eines Schwächeren. Miriam muss gezwungenermaßen einen Verarbeitungsprozess durchlaufen, in dem sie vom blanken Hass auf den Mörder ihres Liebsten zu der Einsicht gelangt, dass sie eine gewisse Mitschuld an den schrecklichen Ereignissen trägt. Was sie getan oder unterlassen hat, weil es der alten Miriam schlicht egal war, wie sich ein ihr unbedeutend erscheinender Mitschüler fühlt, hat schlussendlich Konsequenzen zur Folge gehabt. Doch auch damit kann man leben lernen. 

Dieses Buch sollte man lesen und dann behalten. Es sollte einen Platz im Bücherregal erhalten, wo man es jeden Tag einmal, zumindest aus dem Augenwinkel, wahrnimmt. Nicht nur in Jugendjahren wissen wir, wer wir sind, weil wir oft ganz genau wissen, wer wir nicht sein wollen. Wir wählen uns unsere Freunde, unsere Feinde und erklären uns dann unser Ich im Bezug zu diesen Menschen. Gerne übersehen wir dabei, wen wir treten, um uns selbst zu erhöhen. Häufig sind es dem Anschein nach nur Bagatellen, kleine Seitenhiebe, die wir gegenüber dem Spiegelbild leicht rechtfertigen können, denn der andere hat es ja bestimmt herausgefordert. Und dann vergessen wir, dass wir nicht unfehlbar sind. Der Roman "Es wird keine Helden geben" von Anna Seidl ruft dies wieder in Erinnerung. 

Jennifer Runde
26.11.2015

 
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Das Buch:

Anna Seidl: Es wird keine Helden geben

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Hamburg: Oetinger Verlag 2014
258 S., 14,95
ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-7891-4746-3

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