Kinder- & Jugendbcher

Story eines Sechzehnjhrigen

Auch ein 1971 Geborener könnte die Geschichten und so die Geschichte der vaterlosen Kriegsgeneration verstehen. Philip Meinhold könnte das Kind eines vaterlosen Kriegskindes sein. Meinhold, Jahrgang 1971, ist ein Schriftsteller, der die Geschichte eines Sechzehnjährigen geschrieben hat, den der Widerstand gegen den vermeintlichen Vater, die Suche nach dem leiblichen durch die Tage treibt. Es sind die Tage des einen, durchaus nicht einigen Deutschland, in der Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts. Es ist die Wirklichkeit des Nico Zimmermann, der ein, sein persönliches - durchaus nicht pubertäres - Problem hat. Das gibt der Geschichte etwas Einschränkend-Individuelles. Die Dimensionen des Gesellschaftlichen, die die Suche der vaterlosen Kriegsgeneration nach dem Vater hatte, kann, will Meinholds Roman "Fabula rasa" nicht zu einer Dimension machen.

Also zufrieden sein mit den Treibe-Tagen eines Teenagers? Sagt man denn noch Teenager? Nun, Nico, der sich gern mal Nico Nihilist nennt, der ein erklärter Hip-Hop-Fan ist, dem altersgemäß auch mal eine Band im Kopf herumspukt, spricht schon mal von "Teenagerpärchen". Es ist immer die Sprache des Nico zu hören, denn Nico ist der Ich-Erzähler des Romans. Ist das die Sprache des Jungen, der die Tür des elterlichen Reihenhauses in Berlin-Reinickendorf hinter sich zugeschlagen hat, dem die Schule schnurzpiepegal ist? Es ist die Sprache des Schriftstellers, dem die Sprache das Mittel ist, seine Hauptfigur zu charakterisieren. Sprache ist das hauptsächliche Mittel der Charakte-risierung. Nicht nur für Nico. Auch für die Nebenfiguren, die stets Nebenfiguren bleiben. Und doch einprägsam genug, weil knapp sprachlich charakterisiert. Das genügt und das genügt nicht. So unterhaltsam die sprachlichen Schnoddrigkeiten des Jugendlichen sind, sie lassen ihn immer wieder gescheiter sein, als er gescheit ist, gewitzter, als er gewitzt ist. Es ist mehr drin in dem Jungen, als in ihm drin sein kann. Diese Inkonsequenz könnte man auch als die überlegene Konsequenz des überlegenen Romanautors lesen und verstehen. Der unreif-reife, unerwachsen-erwachsene Nico hat eine Ursprünglichkeit und Pfiffigkeit, die immer etwas Angenommenes, nicht unbedingt aus der Figur Kommendes hat. Das muss nicht stören. Desto jünger die Leser, desto näher werden sie dem Ich-Erzähler sein und sich möglicherweise sogar mit ihm identifizieren. Was auch kein Schaden wäre - den Gang der Geschichte des Nico Zimmermann berücksichtigt. Der Autor ist auch immer ein Moralist. Ist das am besten, wenn er nicht allzu sichtbar wird. Wäre es nur so bis zum Schluss geblieben. Aber muss ein Autor seine Ambitionen verbergen?

"Fabula rasa" ist eine überaus moralische, nie moralisierende Story eines Sechzehnjährigen für Sechzehnjährige. Und ist dennoch mehr als ein Jugendroman für die Jugend. Die größere gesellschaftliche Dimension wäre, etwas vom besonderen Leben eines besonderen Bengels im besonderen Heute zu hören. Ohne das überzubewerten. Die Orte, die zu Aufenthaltsorten für den mehr oder weniger Obdachlosen werden, sind wenige, schnell überschaubare Orte, die für Nico eine spezielle Funktion haben. Draußen, nicht unbedingt auf der Straße, lernt er seine Lektionen. Von Station zu Station begleiten die Leser Nico durch die Schule seines Lebens. Jede Station gibt genug Zeit, sich umzusehen, denn allzu viel gibt es meist ohnehin nicht zu sehen. Wohl aber eine gut organisierte Abfolge von Orten, Szenen, Bildern, Dialogen, so dass das Gefühl da ist, sich einen Film angesehen zu haben. "Fabula rasa" ist, so wie von Philip Meinhold geschrieben, eine ideale Vorlage für einen Kinofilm.

Bernd Heimberger
02.03.2009

 
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Das Buch:

Philip Meinhold: Fabula rasa

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Halle(Saale): Mitteldeutscher Verlag 2009
344 S., 22,80
ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-898-12599-4

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