Kinder- & Jugendbcher

Land der guten Schatten

Der tüchtige Jäger Anauta wird bei der Jagd auf einer Eisscholle in die See hinausgetrieben – keiner kann ihn retten, das Treibeis verhindert jegliche Hilfe. Nach vier Tagen versinkt Anauta in den eiskalten Fluten. In dieser Nacht wird seine Tochter geboren. "Denn die Leute auf der Baffin-Insel glauben, dass ein Toter irgendwo draußen so lange umherirren muss, bis ein Neugeborenes seinen Namen erhält. Wächst das Kind heran, dann nimmt es die Stelle desjenigen ein, nach dem es genannt worden ist."

So wächst die kleine Anauta auf, auf der Baffin-Insel. Ihr Leben ist ganz unterschiedlich zum Leben anderer Kinder irgendwo auf der Welt. Inzwischen leben die Menschen auf dieser Insel auch in Häusern und sie müssen nicht mehr um ihre Nahrungsmittel in der Form kämpfen, die Anauta kennen gelernt hat. Und doch: Um die Inuit – das heißt einfach "Menschen" – zu verstehen, muss man wissen, wie sie gelebt haben. Überleben in einer menschenfeindlichen Umgebung, den Eisstürmen ausgeliefert, monatelang im Schneesturm den Tag bewältigen, Hunger zu leiden, Iglus zu bauen und Kinder großzuziehen – in diesem Buch ist alles packend und anschaulich geschildert.

Kinder ab zehn Jahren lernen in diesem wunderschön erzählten Buch das harte Leben der Inuit kennen – Sitten, Gebräuche, Ernährung, Wohnen, das Umherziehen auf der Suche nach Nahrung, die Tricks, mit denen die Menschen die Seehunde überlisten, das tägliche Üben von Geschicklichkeit und Ausdauer, ohne die man in dieser menschenfeindlichen Umgebung nicht überleben kann, aber auch die wunderbaren Geschichten des Volkes, die von der tiefen Weisheit derer erzählen, die alles der Natur ablauschen, in und mit ihr leben, gedeihen und – untergehen.

Wie wird ein Iglu gebaut? Welche Spiele spielen die Inuitkinder? Was hat es mit dem zauberhaften Nordlicht auf sich im Land der "guten Schatten"? Es ist eine Geschichte von Hunger und erfolgreichem Fang, von Spielen und tödlichem Ernst, von Lachen und tiefer Traurigkeit, von Ängsten und dem Mut, sich im Blizzard für das Leben von Freunden einzusetzen. Erzählt ist das alles nicht von außen, sondern von den Inuit selbst, mit ihren Bildern, ihren Geschichten, ihren Erfahrungen. Spannendes, Trauriges, Tod und Verderben, aber auch das Wunder einer Geburt mitten in einer eisigen Nacht, die Freude und das gemeinsame Mahl oder die Sitte des Schneebades sind wie Perlen auf der Erzählschnur. Ein Buch, nach dessen Lektüre die Kinder mit Sicherheit nach einem Atlas fragen und nachschauen, wo sich das alles abgespielt hat. Wunderbar zum Vorlesen, aber auch für die Kinder zum alleine lesen. Im Anhang sind viele Spiele der Inuitkinder aufgeführt mit Anleitungen. Wundern Sie sich also nicht, wenn Ihre Kinder nach Schneeblöcken fragen oder Perlen möchten, um sich ihre Kleidung zu besticken. Mich als erwachsene Leserin hat das Buch sehr nachdenklich gemacht – wie einfach haben wir es, uns Nahrung zu besorgen, wie schön, in ein warmes Haus zu kommen, wenn es draußen kalt ist. Eine ganz und gar fremde Welt entsteht beim Lesen vor unseren Augen.

csc
12.01.2003

 
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Das Buch:

Heluiz Washburne: Im Land des Nordlichts. Die Kinder von der Baffin-Insel

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Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2002
207 S., 8,90
ISBN: 3-7725-2022-7

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