Gedichtbnde

Erdung und Verbundenheit mit der Natur

Als "geerdet" kann man durchaus die Gedichte von Mechthild Winkler verstehen, im Sinne von bodenständig und verwurzelt in einer festen Haltung zum Leben, die die Autorin in ihrem neuen Band "Wie sich mein Leben reimt" veröffentlicht hat. In eingängigen und klaren Worten gründen sie auf Beobachtungen in der Natur, dem Lauf der Jahreszeiten und ihres verlässlichen Wechsels, persönlichen Gedanken und Erlebnissen aus dem Alltag und dem Zwischenmenschlichen. Mechthild Winkler zeigt sich dabei als eine sehr feinfühlige Autorin, die sich mit Empathie diesen Beobachtungen hingibt und dafür die einprägsame und nachhallende Worte findet.

Ein großer Teil der Gedichte zeigt die Erdung der Autorin und die Verbundenheit mit der Natur. Sei es das Einfühlen in einen klirrenden Wintertag und die damit verknüpfte Freude, dass sie diese Zeit des Jahres, des Rückzugs von Mensch und Natur nach Innen, nach langer partnerschaftlicher Vertrautheit und Verbundenheit noch gemeinsam mit ihrem Mann verbringen darf: "Jetzt freue ich mich an dem Flockentreiben/und freue mich, dass ich noch mit dir geh." Auch Gedichte wie "Sommerwege" oder "Sommerwald" zeugen vom Stellenwert äußerer Erlebniswelten für die Autorin und ihr intensives und folglich sprachmächtiges Hineinversetzen oder besser gesagt "Einleben" in die Atmosphäre eines Sommertages, seine Leichtigkeit und Unbeschwertheit, und machen andererseits auch deutlich, dass es immer um etwas über das Beschriebene hinaus Weisende geht, auf das die Autorin "weisen" will. Ein Beispiel für diese Absicht sei im Gedicht "Nebelland" gefunden, das eine Stimmung im sich aufziehenden, herbstlichen Nebel und damit einhergehende Orientierungslosigkeit, das Suchen nach Antworten und Erklärungen, zum Ausdruck bringt. Gleichzeitig kommt die Übereinstimmung von Struktur und innerer Stimmung eindrucksvoll zur Geltung: "[…] Wo ist noch Orientierung/wenn das Gewohnte schwindet,/wenn das Vertraute sich verhüllt,/wenn sogar der Himmel sich verschleiert?"
Es ist nicht vermessen, die Gedichte von Mechthild Winkler als sensitive Poesie zu charakterisieren, denn hier wird aus der Situation, aus Augenblicken - den "Steinchen des Lebensmosaiks" - geschöpft, aus vielerlei Kontakten, Momenten des Innehaltens und der Zuwendung. Die Wahrnehmung des Empfundenen liefert die für die Inspirationen notwendigen und schließlich ins Gedicht fließenden Worte.

Als eigener, für sich stehender Zyklus sind im Band die Gedichte versammelt, die unter den Worten "Menschen unter dem Kreuz" zusammengefasst wurden und den Stellenwert von
Glauben und die Beschäftigung mit Religion unterstreichen. Im Mittelpunkt stehen in Auszügen der Verrat Jesu, die Kreuzigung und die allseits aus der Bibel bekannten Überlieferungen. Mit ihren eigenen Worten hält Mechthild Winkler Erinnerung daran fest, leiht den historisch verbürgten Beteiligen ihre Sicht der Dinge und lässt z.B. Judas sagen: "Aber Jesus ist anders, wie ich jetzt weiß. Sein Weg ist nicht meiner. Drum gab ich ihn preis!/-und bin doch, seit er mich Verräter hieß,/zerbrochen wie einer, den Gott verstieß." Die nicht wirklich bekannte Innenperspektive wie die von Judas, sein Motiv für den Verrat, die Sicht des römischen Hauptmanns, der Teil der Wache des am Kreuz zur Schau gestellten, ist, macht die Autorin zum Thema und wirft einen eigenen Blick zurück auf die Geschehnisse um Jesus von Nazareth. Im Text über den römischen Hauptmann heißt es: "Ich fragte nicht viel nach ihm. Er schien mich nichts anzugehen./Es plagte mich weiter nicht, was um ihn her geschehn./Ich war mit mir selbst beschäftigt. Er war mir einerlei." Gerade die Vielfalt der dargestellten Perspektiven und Denkweisen zur Figur "Jesus" ermöglicht einen anderen, erhellenden Zugang zu biblischen Texten und ihrem Verständnis.

Jenseits der Hektik und Betriebsamkeit unseres Eingebundenseins in alltägliche Routine bieten die Gedichte von Mechthild Winkler eine besinnliche Lektüre, die die Sinne anregt, sie nicht ausschaltet, sondern direkt anspricht. Geboten werden abwechslungsreiche, gleichermaßen nachdenkliche wie heitere Verse, die im großen Ganzen auch von der reichhaltigen Lebenserfahrung, dem persönlichen Schatz an Erfahrungen, der Autorin zeugen.

Hugo Meyer
13.04.2015

 
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Das Buch:

Mechthild Winkler: Wie sich mein Leben reimt

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Frankfurt: August von Goethe Literaturverlag 2015
70 S., 9,80
ISBN 978-3-8372-1590-8

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