Gedichtbnde

Gedichte werfen Brennbares in die Glut

Was Bernd W. Ulbrich mit "Welten Terror" vorlegt, ist ein harmloses Bändchen, das auf 106 artigen Seiten eine Vielzahl Gedichte lesen lässt. Alle Gedichte mit Überschrift, ohne Ausnahme brav Schwarz auf Weiß gedruckt. Und bequem ins Bücherregal zu stellen. Komfortlektüre also?

Dieses Leichtgewicht ist alles andere als leicht zu lesen, das brave Schwarz alles andere als brav. Es ist ein schwieriges Werk, weil es mit symbolträchtiger Wortwahl das Sprachvermögen provoziert, mit harten Inhalten den Leseabend stört und mit Kontroversen unsere Sucht zu harmonisieren durcheinander bringt. Die Gedichte sind schwierig zu lesen, weil die Welt schwierig zu lesen ist, möchte man beim Beenden der Lektüre sagen.

Dass der Leser nichts Fertiges serviert bekommt, sondern etwas zu denken hat, wird er schon am Eingangsgedicht erkennen: "Das Religionssystem versagt", dröhnt es aus Ulbrichs Schreibe. Wird man diese Gedichte nun mit dem Verstand lesen wollen oder lieber mit dem Gemüt? "Welten Terror" wird beides schütteln, abgesehen davon, dass "Gemüt" wohl kaum in das Vokabular dieser Weltensicht passen will. "Disziplin" hämmert Zeile für Zeile ein, was der Weltbetrachter Ulbrich empfindet. Ist es auch unsere Empfindung? Ein Fragezeichen lässt uns weiterlesen.

Ein Lesetipp könnte folgender sein: sich dem Assoziativen überlassen, sich frei halten, die Worte in sich zum Klingen bringen. Und Geduld aufbringen, denn eine Zeile wie "Stahl malt Rot" darf vom Leser nicht nur gelesen, sondern muss auch bedacht werden. Gedichte schreiben sei wie Schokolade essen, meint der Verfasser. "Das macht man ja auch nicht, weil man Hunger hat." Verständlich, wenn sich viele Leser anregen lassen und nicht einfach gescheiter werden wollen. Wer Lust auf Skurriles in sich spürt - und die Welt ist voll davon -, der wird in vielen dieser Gedichte auf seine Rechnung kommen. Man vertiefe sich einmal in "Politisch korrekt".

Es sind mitunter Gedichte von sehr starker Wirkung. Wer das "Gebet der Engel" liest, wird von Kräften gepackt. "Lucifer", schließt dieses Gedicht: "[...] erleuchte mich, lass uns Menschen nicht allein." Schon hier blendet Weltenschmerz auf, der Begriff wird sich weiter hinten mehrfach finden. Von der üblichen "Süße", die dem Begriff oft anhaftet, klebt nichts an Ulbrichs Wort.

Die Lügenwelt, so schreibt Ulbrich, brauche ihren Trug. Das mag begründen, weshalb einem viele Gedichtpassagen so viel Enthüllendes entgegenhalten. Aber es sind nicht nur die Lügen, die den Leser beschäftigen, es sind auch die Rätsel und die vielen Fragen, so auch im Gedicht "Freedom Fries". So manches in dieser Sammlung kommt einem aphorismenartig entgegen, die Sprache ist entsprechend kompress, das Lesevergnügen groß. Die Sprache ist eigenwillig, wie auch die Themenwahl ungewohnt erscheint. Wer hat je auf diese Weise eine "Taufe" erlebt?!

Ist es wirklich ein Vergnügen? Ulbrich malt mit den Farben der Apokalypse, er streut Brennbares in die Glut. Können solche Hassgedichte einen Leser vergnügen? Sind es überhaupt Hassgedichte, oder sind es nicht vielmehr überquellende Nöte? Steckt hinter der Härte nicht vor allem das Schonungslose der Ehrlichkeit?

Wer "Welten Terror" aufmerksam liest, wird sich dem Unheimlichen, dem Entblößenden nie ganz entziehen können und wollen. Mit Erstaunen wird er den "Brief" an den Freund entdecken, der sich wie eine Oase nach schmerzvollem Ritt durch die Wüste freudvoll präsentiert. "Ich bin glücklich, nur ich spür es nicht", sagt der Verfasser im Gedicht "Neutrum". Die Rückblenden bleiben ungeschönt, das Lebensgefühl ist gekoppelt an das Todesgefühl - so liest es sich im "Testament". Die "Chefsache" ist ein Arbeitstag voller Unmenschlichkeit. "Das Leben hat mich wegrationalisiert", bilanziert der kritische Dichter.

Bernd W. Ulrichs "Welten Terror" ist kein Geschenkband. Präziser: kein Geschenkband für irgendwen. Noch präzisier: kein Geschenkband von irgendwem für irgendwen.

Ronald Roggen 
28.03.2011

 
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Das Buch:

Bernd W. Ulbrich: Welten Terror. Gedichte

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Frankfurt am Main: Weimarer Schiller-Presse 2009
106 S., 12,40
ISBN: 978-3-8372-0591-6

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