Gedichtbnde

Schicksalsfragen

Was vermag der Mensch gegen den Tod? Wie stellt sich der Einzelne gegen Gewalt und Übermacht? Welche Werte stehen hinter seinen Zielen? Sind seine Entscheidungen von ihm selbst bestimmt oder von der Macht des Zufalls beeinflusst?

Schicksalssituationen, die die menschliche Autonomie auf die Probe stellen, sind die Themen, die Wilfried A. Kihl in seinen Modernen Epen darstellt.

David erhebt sich aus der Masse der Zwerge gegen Goliath. Aber er ruft nicht zum blindwütigen Widerstand gegen den Tyrannen auf, sondern der Gegner ist ihm Gegenüber im Dialog

"Auge um Auge, Wort um Wort" will er Toleranz und Frieden erreichen.

Dem Wort wird ein hoher moralischer Wert zugestanden und eine große Wirkungskraft. "Der Tisch des Redens ist gedeckt ... Glut muss Asche werden, ... Hass Liebe auf Erden, damit kein neuer Krieg beginnt."

Mit dem Start einer Rakete wird der alte Menscheitstraum von Schwerelosigkeit und der Erkundung der Wunderwelt des Universums angesprochen. "Der Traum vom schwerelosen Leben, vom leichten Schweben hin und her", wird aus unterschiedlichen Perspektiven beobachtet und reflektiert. Das Kind staunt in den endlosen Himmel, "ist das alles Wirklichkeit?" Der Countdown des Raketenstarts wird dramatisch überhöht durch die Nachricht vom Tod der beiden Kinder der Astronautin. Das Dasein wird "schicksalhaft" als "irdischer Hexenkessel" erfahren, in dem wir Menschen gebunden sind. Die Stimmen von Kind, Vater, Schwester, Wissenschaftler, Philosoph, Journalist, Pressesprecher und die der Astronautin selbst sprechen unmittelbar aus der Gegenwart des Erlebten und aus dieser Unmittelbarkeit wird Spannung erzeugt, nicht über einen Spannungsbogen der aus Handlung erwächst. Auch hier folgen wir einzig den Worten, den ausgesprochenen Gedanken der, fast möchte man sagen, Akteure.

Dennoch ist es, wie auch alle anderen Gedichte dieses schmalen Bandes kein Drama, es ist ein episches Gedicht. Denn dies ist keine inhaltliche Frage sondern eine stilistische.

Schlegel nennt episch "die ruhige Darstellung des Fortschreitenden". Auch wenn die Thematik dramatisch ist, gibt es dennoch keine dominierende Botschaft, sondern eine Vielzahl kleinerer Höhepunkte. Ein Auf und Ab der Stimmen wie Wellen.

Dies ist ein Kennzeichen aller Gedichte in dieser Sammlung, die Vielstimmigkeit der vereinzelten Menschen in existentiellen Lebenssituationen. Es gibt darin auch keine Haupt- und Nebenfiguren, die Stimmen sind gleichwertig. So, als hörten wir nur den Chor, das Drama selbst ist Hintergrund.

Die rhythmisch gebundene Sprache hat eine hohe Musikalität, so will der Dichter selbst seine Gedichte auch gesprochen hören nicht gelesen.

Am Ende des Gedichtes "Der Raketenstart" entscheidet sich die Astronautin zur Tat. Der Countdown läuft!

Aus dem Wort erwächst die Tat. Dies ist vielleicht die deutlichste Botschaft des Dichters: "Die Sprache ist das größte Phänomen der Existenz, das der Mensch nutzen, aber auch pflegen sollte." Als Fähigkeit des Menschen zum Denken und zur eigenen Entscheidung führt sie zur Freiheit.

lee 
01.05.2006

 
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Das Buch:

Wilfried A. Kihl: Moderne Epen I

CMS_IMGTITLE[1]

Frankfurt am Main: Cornelia Goethe Literaturverlag 2005 129 S. ISBN: 3-86548-192-2

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