Gedichtbnde

Schauriges in Versen

Die Mitternachtsstunde hat auf uns Menschen schon immer eine gewisse Faszination ausgeübt. Wenn die große Uhr vom Kirchturm zwölfmal schlägt, hat so mancher noch heute ein ungutes Gefühl, wenn er in der Nacht alleine durch die Straßen läuft. Und auch jetzt, wenn die Tage wieder kürzer werden, kann man schon einmal von der Lektüre eines guten Buches aufschrecken, wenn der kalte Wind des Nachts an den Fensterläden rüttelt - das ist heute nicht anders als vor zwei- oder dreihundert Jahren. Wenn es sich bei dem Buch dann noch um die von Christian Liedtke unter dem Titel "Totentanz und Mitternachtsgraus" herausgegebene Sammlung von Schauerballaden handelt, ist das jedenfalls nur allzu verständlich.

Angstzustände wird man von den Balladen in diesem Lyrikband heutzutage sicherlich nicht mehr bekommen, aber wenn man sich auf ihre ganz besondere Atmosphäre einlässt, kann einem schon mal der eine oder andere Schauer über den Rücken laufen. Angefangen hat in Deutschland in Sachen Ballade eigentlich alles erst so richtig mit Gottfried August Bürgers "Lenore" aus dem Jahre 1773. Die Protagonistin ist verzweifelt, als ihr Geliebter Wilhelm nicht aus dem Krieg zurückkehrt, und hadert mit der göttlichen Vorsehung. Eines Nachts jedoch taucht der Totgeglaubte auf und nimmt sie mit sich fort. Ihr spektakulärer Ritt endet auf einem Friedhof, wo sie von Geistern in Empfang genommen werden.

Damit begründete Bürger auf der Grundlage der Gothic Novel und der Graveyard-Poetry aus dem englischsprachigen Raum eine Tradition, in die sich im Laufe der Zeit auch literarische Größen wie Johann Wolfgang von Goethe mit seinem "Totentanz", Friedrich Schiller mit "Der Taucher" und viele andere Schriftsteller einreihten, die in der vorliegenden Sammlung vertreten sind. In den Balladen geht es um unheimliche nächtliche Besucher, Geister und Gespenster, Untote und Wiedergänger und immer wieder um den Tod, wobei zum Teil auch sagenhafte Stoffe verarbeitet werden. Nicht selten enden die Erzählgedichte mit erhobenem Zeigefinger, der den Leser oder Zuhörer direkt auf das Fehlverhalten der handelnden Personen aufmerksam macht. Teilweise entbehren die Balladen aber auch nicht einer gewissen Komik.

So bedienen die 26 Gedichte von "Totentanz und Mitternachtsgraus" sämtliche Vorlieben und geben einen prägnanten Überblick über diverse Epochen der deutschen Literaturgeschichte. Dabei erfährt der Rezipient durch die angehängten Kurzbiographien der Dichter auch noch wesentliche Details aus deren Leben. Als kleinen Bonus hat Christian Liedtke ihre letzten Ruhestätten aufgeführt, sodass man vielleicht sogar selbst einmal den einen oder anderen Friedhof aufsuchen könnte, in der Hoffnung, dass einer der dichtenden Verblichenen zur Geisterstunde aus seinem Grabe steigt, um eine Schauerballade zum Besten zu geben.

Christian Götz
26.10.2009

 
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Das Buch:

Christian Liedtke (Hg.): Totentanz und Mitternachtsgraus. Schauerballaden

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Hamburg: Hoffmann und Campe 2009 128 S., 10,00 ISBN: 978-3-455-40209-4

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