Erzhlbnde & Kurzprosa

Eine gespaltene Seele

Hellen Scheefer erzählt vom Leben Elisabeths durch das Kleinkind Elli, die junge Mutter Beth und die Frau Lisa. Was auf den ersten Seiten leicht verwirrt, zeigt sich sehr rasch als ganzes Bild. Die Namen gleichen sich mit Absicht, sind gewollt Kurzformen und Kosenamen des ursprünglichen Hauptnamens. Schnell schließt sich der Kreis für den Leser, und er ist gefangen in der zutiefst traurigen Welt der kleinen Elli, der ausweglosen Situation von Beth und der seelischen Selbstgeißelung von Lisa. Das Schicksal des Mädchens, der jungen Frau und der erwachsenen Frau tragen ein und dieselbe Handschrift. Sie alle sind gebrandmarkt von nur einem Menschen, der seinen unauslöschlichen Abdruck tief in der Seele dieser Menschen hinterlassen hat.

Die kleine Elli kämpft um nichts weiter als die Aufmerksamkeit ihrer Eltern, möchte Wärme und Zuwendung. Sie findet sie ganz besonders bei ihrem Vater. Er straft Elli ebenso hart, wie er ihr nach der Strafe Versöhnung gönnt, auf seine Weise. Elli versteht nicht, warum seine Liebe manchmal wehtut, warum sie etwas Besonderes ist, warum "es" nur ihr zuteil wird. Doch als der Vater eines Tages möchte, dass Elli auch zu einem anderen Mann "nett" ist, schreit sie unaufhörlich und es kommt zum Bruch. Eine Nachbarin klagt an, die Mutter wird aufmerksam, geht mit Elli zu einem Arzt, will keine Anzeige, entzieht dem Vater aber sein Kind und schützt es vor weiteren Übergriffen. Doch irgendwann kommt der Egoismus der Mutter durch und sie möchte wieder das Familienleben. So wird Elli gezwungen, sich dem Vater wieder zu nähern, sonst bekommt sie keine Liebe mehr von der Mutter. Elli tut, was sie immer getan hat. Doch weil sie inzwischen weiß, dass ihr Vater etwas Verbotenes macht, tut sie es nur noch mit Widerwillen und Ablehnung. Sie fügt sich in ihr Schicksal: Hauptsache etwas Wärme und Nähe, egal auf welche Weise.

Die junge Beth lernt Karl kennen und lieben und bekommt rasch zu viele Kinder hintereinander. Sie lässt eines abtreiben, denn schließlich hatte ihr Vater schon immer gesagt, dass das letzte Kind zu viel war, womit er Beth meinte, die als vierte und letzte in die Familie geboren wurde. Doch ihre Fruchtbarkeit bringt sie irgendwann erneut in die Zwangslage über Leben und Tod zu entscheiden. Sie ist schwanger. Sie durchlebt eine Achterbahnfahrt der Gefühle und entscheidet sich schließlich für das Kind, indem sie Karl vor die Wahl stellt: Abtreibung und Scheidung oder Ehe und Kind. Wohlwissend, wie dieser entscheiden würde. Denn für Karl ist es eine ähnliche Zwangslage wie für die kleine Elli, entweder kein Kind, aber dann auch keine Liebe mehr oder aber das nicht gewollte Kind in Kauf nehmen, aber dafür Liebe.

Lisa hingegen steht, ohne es zu wissen, an einem Wendepunkt in ihrem Leben. Sie lernt Leon kennen und lieben, zieht mit ihm zusammen und erfährt eine sehr seltsame Beziehung zu ihm, die geprägt ist von Hass und Liebe im Wechsel. Irgendetwas an ihm liebt sie, was sie gleichzeitig auch abstößt. Die anfänglich glückliche, harmonische Beziehung beginnt zu kriseln. Es wird sich getrennt und wieder versöhnt, ohne dass alles das wirklich Sinn macht. Lisa ist abhängig von Leon und umgekehrt. Sie können nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander. Das gemeinsame Leben wird immer unerträglicher für Lisa. Und eines Tages stellen sich seltsame Visionen ein. Bilder tauchen auf, die Lisa nicht einordnen, nicht verstehen kann. Was hat es mit dem kleinen Mädchen auf sich, das offensichtlich Gewalt durch Missbrauch erfahren hat? Wer ist das kleine Mädchen?

Fast zu spät erkennt Lisa, dass sie die kleine Elli ist. Sie, Elisabeth, wurde vom Vater missbraucht, musste sogar mitansehen, wie er ein anderes Mädchen vergewaltigte, wie sie aus der Familie ausgegrenzt wurde. Sie begibt sich in Therapie und sieht mit der Zeit das ganze Ausmaß vor sich. Lisa glaubt, sie sei krank, habe mehrere Seelen. Dem seelischen Tod näher als dem wahren Leben erkennt sie im letzten Augenblick, dass sie nur weiter- und überleben kann, wenn sie akzeptiert, wie sie ist, wenn sie akzeptiert, dass diese drei Personen eins sind, zusammengehören. So begibt Lisa sich auf die Reise ins innere Ich. Doch erst nach einigen leidvollen Familienbegegnungen, bricht sie den Kontakt zu Vater und Mutter ganz ab. Sie erkennt, dass es da keine Familie mehr für sie gibt, dass sie und der Missbrauch dort totgeschwiegen werden und sie, Lisa, einfach für krank erklärt wird, wie die andere Schwester ...

Tanja Küsters
06.04.2009

 
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Das Buch:

Hellen Scheefer: Elisabeth. Leben im Vergessen

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Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2008
192 S., 11,40
ISBN: 978-3-837-20304-2

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