Erzählbände & Kurzprosa

Das Paradebeispiel von Kerstin Hensels Kunstfertigkeit als Schriftstellerin

Kerstin Hensel erzählt etwas andere Familien- und Lebensgeschichten aus Ost und West, die von falscher Moral, Spießertum und Anpassung handeln - und von zerplatzten Lebensträumen. Zwei berührende Erzählungen voller Poesie und hintergründiger Ironie. "Eine der außergewöhnlichsten Schriftstellerinnen Deutschlands." dpa

Karin und Wolf Kohlmann sind ein Geschwisterpaar, das Ende der 1960er-Jahre in der DDR aufwächst, in einer mitteldeutschen Chemiestadt. Wolf will nichts wie weg. Nach dem Dienst in der Volksmarine macht er als Kameramann und Fotograf in der Hauptstadt Karriere. Doch wird er von seiner Schwester Karin immer wieder gezwungen, nach Hause zurückzukehren - in die Enge der Plattenbausiedlung, in die vermeintlich heile Welt ihrer Kindheit. Oder Tillandsia Grütz. Eine junge Frau, die in der ersten Minute des Jahres 2000 geboren wurde - mit einem außergewöhnlichen analytischen Verstand. Ein Nerd-Girl, das in seiner eigenen Welt lebt. Ebenso bewundert wie einsam. Schon als Kind aber beschäftigt sie eine scheinbar merkwürdige Frage: Wie kommt es, dass sie nicht in der Lage ist zu gähnen, wo ihr doch alles andere in den Schoß fällt?

Literatur, die zu den Highlights im Bücherregal gehört - jedes Werk aus Kerstin Hensels Feder zieht einen unweigerlich in den Bann, berauscht die Sinne und bietet Unterhaltung par excellence. Nicht anders ist es mit "Abendgruß. Zwei Erzählungen". Diese Kurzprosa fesselt einen über viele, viele Stunden lang. Aus bestem Grund: Der Autorin gelingt ein Genuss, von dem einen ganz schwindelig wird. Man verliert sich vollkommen in beiden Texten, sodass man von der Welt um sich herum nichts mitbekommt. Hensel ist längst nicht mehr "nur" ein Talent, sondern eine der Großen ihrer Zunft. Ihre Bücher zu lesen, ist das schönste Glück, das man erfahren darf. Das vorliegende bringt einen von Seite zu Seite immer mehr zum Seufzen. Was will man mehr?!

In ihren Roman gibt Kerstin Hensel, geboren in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz in Sachsen, der ostdeutschen Literatur eine Stimme; noch dazu eine äußerst starke. Von Autor*innen wie ihrem Format könnte man hierzulande deutlich mehr gebrauchen. "Abendgruß" vereint zwei Kulturen, die sich so ähnlich sind, nach über 35 Jahren Wiedervereinigung jedoch auch immer noch so fremd. Diese Lektüre sollte jeder erfahren; von Nord nach Süden, von Ost nach Westen und alles dazwischen!

Susann Fleischer 
20.04.2026

 

Das Buch:

Kerstin Hensel: Abendgruß. Zwei Erzählungen

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München: Luchterhand Literaturverlag 2026 304 S., € 24,00 ISBN: 978-3-630-87772-3

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