Erzhlbnde & Kurzprosa

Die Verlockungen der Snde

Als junger Klosterschüler hat man es nicht leicht im 18. Jahrhundert, denn auf dem Höhepunkt seiner Macht ist es der Klerus, der willig dem Adel in die Hände spielt und die Jungen zum Spielball der eigenen Interessen macht.

In drei stimmungsvollen Geschichten lässt uns Martin Schreiber teilhaben an einer Welt, die gottesfürchtig ist, aber den Verlockungen der Sünde kaum widerstehen kann. In einer Zeit, in der der Klerus und der Adel alle Macht auf sich vereinen, fällt es schwer, sich dem Zauber des Verbotenen zu entziehen, denn sie Aussicht, als Günstling der Obrigkeit zu neuen Ehren zu kommen, ist zu groß. Mit viel Zeitkolorit lässt Schreiber eine Welt auferstehen, die der unsrigen gar nicht so unähnlich ist. Spätestens als der größte Popstar seiner Zeit, der 22-jährige Mozart, auf Schloss Leitheim eintrifft (was übrigens historisch verbürgt ist), kann man die Stimmung und Begeisterung fast greifen.

Gleiches gilt für die moralischen Fesseln, die die Menschen zu dieser Zeit daran gehindert haben, ihre Persönlichkeit und Sexualität auszuleben: Wenn der junge Klosterschüler Johannes sich dem Obristen Heinrich hingibt, in dem Bewusstsein, der Sünde erlegen zu sein, lässt Schreiber den Leser die innere Zerrissenheit und das Zaudern hautnah spüren. Ist es heute so viel einfacher? Man möchte es hoffen.

In einer weiteren Geschichte lässt Schreiber uns die Intrigen und "inoffiziellen Abmachungen" zwischen den Staaten und Fürstentümern der Zeit nacherleben. Keine Chance hat der junge Klosterschüler, als er erkennt, dass er nicht wegen seiner intellektuellen Fähigkeiten nach Frankreich geschickt wurde. Das Wohl eines ganzen Fürstentums hängt an seiner Hingabe, wie er schmerzvoll erkennen muss, zu spät, um einen Rückzieher zu machen.

Politik, die hinter verschlossenen Türen unter wenigen Machthabenden ausgemacht wird, idealistische junge Männer, die viel zu spät ihre ihnen zugeteilte Rollen erkennen, und nicht zuletzt eine diffuse Ahnung, welch wahre Macht von einigen Wenigen ausgeht – solche Zeiten müssen lange her sein, ... oder?

Gernot Krieler 
18.07.2022

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Martin Schreiber: Das Tafelzimmer Gottes. Drei Geschichten

CMS_IMGTITLE[1]

Offenbach: Weimarer Schiller-Presse 2022 84 S., 11,80 ISBN: 978-3-8372-2548-8

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.