Dramen

Ein Bühnenstück, wie es größte Seltenheit auf dem deutschen Literaturmarkt hat

Sie war eine der namhaftesten Persönlichkeiten im kulturellen Leben der Hochrenaissance und gilt als die bedeutendste italienische Lyrikerin ihrer Zeit. Die Rede ist von Vittoria Colonna, die bei ihren gebildeten Zeitgenossen außergewöhnliche Bewunderung fand. Nun widmet Autor Reinhard Pantel dieser Frau ein eigenes Bühnenstück, ursprünglich erschienen 2016 im Hinblick auf das Lutherjahr 2017, und baut ihr so ein literarisches Denkmal. Das Bühnenstück "Aus dem Leben der Vittoria Colonna (1492-1547)" beleuchtet das Leben, das literarische Wirken sowie die geistigen und religiösen Strömungen im Umfeld der italienischen Dichterin und Reformhüterin. Nicht nur deshalb gehört es zu den Dramen, die man gelesen, aber noch lieber gesehen haben muss. Und das mehr als einmal. Außerdem mit dem größten Vergnügen!

Rom, 1547: Im Musikzimmer im Haus der Vittoria Colonna treffen wir auf die Italienerin sowie deren Freundin und Vertraute Madleen. Es ist ein trautes Beisammensein. Man spricht über Religion und Kunst und liest sich gegenseitig Gedichte vor, während man auf den Besuch des Kardinals Gian Matteo Giberti wartet. Er soll Vittoria eine Bleistiftzeichnung von der Statue der Uta von Ballenstedt zu Naumburg zur Weiterleitung an Michelangelo (1475-1564) überreichen. Bei der Begutachtung überlegt man, wer für das Werk Modell gestanden haben mochte. Womöglich Tristans Isolde? Oder war es ein staatsmännisch-taktisches Memoriam? Und man rätselt, was die Statue/das Bild aussagen möge. Darüber entbrennt schließlich eine Diskussion über den Zusammenhang von Geldzuwendung und Sündenerlass und über die sich neu verbreitende Lehrmeinung: der Rechtfertigungslehre Luthers.

Der zweite Aufzug findet im Essensraum eines Klosters statt. Die befreundeten Kardinäle Giberti und Bembo sitzen in fröhlicher Stimmung beim Abendessen bei Käse und Wein. Sie reden über die großen Weltgeschehen der Zeitgeschichte: über Thomas Tetzels Verkauf päpstlich verbürgter Ablassbriefe, über die mehr und mehr sich ausbreitende Rechtfertigungslehre Luthers, über die Einrichtung der Inquisitionsgerichte und über Vittorias bevorstehende Gerichtsverhandlung wegen Häresie, nur weil sie dafür eintritt, die Werke der protestantischen Theologen Luther und Calvin unbefangen zu studieren und um ferner sich davon anregen zu lassen, um die Verfallserscheinungen im Katholizismus zu überwinden.

Im dritten Aufzug finden wir uns erneut in Vittoria Colonnas Musikzimmer wieder. Vittoria ist schwer erkrankt. Madleen spielt ihr ein (beruhiges) Stück vor. Vittoria bittet Madleen, das letzte von Michelangelo ihr zugeschicktes Gedicht vorzulesen, als Giberti für einen Krankenbesuch hereinkommt. Er erkundigt sich, ob Vittoria genügend Ablassbriefe für sich gekauft habe, um für alle Fälle bei einer ihr drohenden Vorladung vor einem Inquisitionsgericht gewappnet zu sein. Giberti stellt sodann übungshalber Fragen, wie diese erfahrungsgemäß auch das Inquisitionsgericht stellen könnten. Aus den Antworten geht hervor, dass Vittoria als Reformkatholikin hier in Rom höchst gefährdet ist. Nach der Verabschiedung Gibertis denkt Vittoria plötzlich an den Tod ihrer Mutter und bittet Madleen, ihr aus ihrem Tagebuch die Aufzeichnung bezüglich des letzten Zusammenseins mit ihrer Mutter vorzulesen. Ende!

Belletristik, bei der man gerne für ein paar Stunden verweilt - die Welt der Dramen wäre ohne die aus Reinhard Pantels Feder um einiges unaufregender und garantiert unliterarischer. Mit entsprechend leuchtenden Augen und einem heftiger klopfenden Herzen liest man "Aus dem Leben der Vittoria Colonna (1492-1547)". Was diese Lektüre so besonders, zugleich grandios macht? Auch wenn der Titel es vermuten lässt, geht es hier weniger um Leben und Wirken der italienischen Dichterin als vielmehr um die großen Fragen, also um die wichtigsten Themen der damaligen Zeit. Und für einen kurzen Augenblick ist man ebenfalls ein Teil davon! Als wäre man stille Beobachterin der Gespräche zwischen der Vittoria und Madleen und ihren beiden Besuchern. Und das ist man gerne, sogar äußerst gerne! Darüber hinaus mit noch nie dagewesener Leidenschaft!

Ein Hoch darauf, dass es in Deutschland Schriftsteller wie Reinhard Pantel gibt. In seinen Bühnenstücken verliert man sich mit allen Sinnen. Diese sind Literatur, wie sie eigentlich immer sein sollte: künstlerisch, bilderreich, definitiv ein Genuss! "Aus dem Leben der Vittoria Colonna (1492-1547)" ist für die Bretter, die die Welt bedeuten, verfasst worden. Und dort gehört dieses Drama auch unbedingt hin: auf die Bühne, und bei den meisten auch ins Bücherregal bzw. als eBook auf ein digitales Medium. Diese Lektüre ist jedes einzelne Wort wert!

Susann Fleischer 
03.08.2026

 

Das Buch:

Reinhard Pantel: Aus dem Leben der Vittoria Colonna (1492-1547)

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Selbstverlag 2016; Neubearbeitung 2026 57 S. ISBN: 9783961340002

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