Briefliteratur & Tagebuch

Ein mitreiendes Panorama von Christa Wolfs Leben und Schreiben

"Post, Post, Post". Dieser Stoßseufzer, notiert im Kalender unter dem Datum vom Sonntag, dem 4. März 1990, kommt nicht von ungefähr: Christa Wolf war eine ungeheuer produktive Korrespondentin. Ihre Briefe an Verwandte und Freunde, Kollegen, Lektoren, Politiker, Journalisten geben faszinierende Einblicke in ihre Gedankenwelt, ihre Schreibwerkstatt, ihr gesellschaftliches Engagement. Ob sie an Günter Grass oder Max Frisch schreibt, von Joachim Gauck Einsicht in ihre Stasi-Akte fordert oder sich mit Freundinnen wie Sarah Kirsch und Maxie Wander austauscht, wir sind Zeuge von Freundschaften und Zerwürfnissen, Auseinandersetzungen und Bestätigung, von der Selbstfindung einer der wichtigsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts.

Nicht zuletzt beeindruckt ihr Umgang mit der Flut von Leserbriefen, die sie mit zunehmendem schriftstellerischen Erfolg erreicht und auf die sie geduldig und kundig - und manchmal auch mit der gebotenen Direktheit - eingeht. Über mehrere Jahrzehnte haben sich Zeitzeugnisse angesammelt, die mit ihrem Inhalt Auskunft geben über eine Vielzahl von Ereignissen in der DDR während des politischen Umbruchs und nach der Wiedervereinigung. Die Wortmeldungen reichen von Korrespondenzen zwischen Schriftstellerkollegen über Antworten an rat- und antwortsuchende Mitmenschen bis hin zur Einmischung in politisches Tagesgeschehen. Entstanden ist in Kaleidoskop an vielfältigsten Eindrücken einer Ausnahmeliteratin, wie Wolf solch eine zweifellos ist.

Christa Wolf war eine Autorin von Weltklasseformat. Mit ihrem Tod 2011 verließ eine der bedeutendsten Schriftstellerpersönlichkeiten unserer Zeit die Literaturbühne. Und trotzdem findet man ihre Werke noch immer regelmäßig in den Bestsellerlisten. Auch "Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten" darf auf gar keinen Fall im Bücherregal fehlen. Auf mehr als 1000 Seiten stehen hier Briefe, die ein Stück von Wolfs Seele(nleben) offenbaren. Eine echt beeindruckende Sammlung, die hier zwischen zwei Buchdeckeln steckt. Dank dieser kriegt man Unterhaltung sondergleichen in die Hände. Dem Suhrkamp Verlag gelingt einmal mehr ein ganz großer Wurf, ein Coup im Sachbuchbereich. Solch eine Sensation liegt nur selten auf dem Nachttisch.

"Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten" von Christa Wolf - ein Schatz, der für die Nachkommen unbedingt bewahrt werden sollte. Die Lektüre gleicht einer Reise in das spannende Leben einer ungewöhnlichen Frau. Wolf hat nichts von ihrer Faszination verloren. In ihren Briefen lebt die Berlinerin ebenso weiter wie in ihren zahlreichen Romanen.

Susann Fleischer
23.01.2017

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Sabine Wolf (Hg.): Christa Wolf: Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten - Briefe 1952-2011

CMS_IMGTITLE[1]

Berlin: Suhrkamp Verlag 2016
1040 S., 38,00
ISBN: 978-3-518-42573-2

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.