Briefliteratur & Tagebuch

Eine poetische Reise an den japanischen Kaiserhof des Jahres 1000

Ein Bündel edlen Papiers diente Sei Shonagon vor tausend Jahren als Notizbuch. Ihm vertraute sie an, was ihr durch den Kopf ging, darunter Vertrauliches und Delikates aus den Privatgemächern des Kaiserpalasts. Ob sie geistreiche Zwiegespräche schildert, ein intimes Tête-à-Tête oder das Schwertlilienfest ausmalt - ihre Impressionen wirken wie mit dem Tuschepinsel hingetupfte Ewigkeitsbilder. Nie hat man eine Frau inspirierter über sich und ihre Welt plaudern hören. Und aus dem "Kopfkissenbuch" zu erzählen hat Sei Shonagon als Hofdame der kaiserlichen Gattin Fujiwara no Sadako so einiges. Die scharfzüngige wie schlagfertige Beobachterin vermag es das Leben und Treiben am Hof und der Persönlichkeiten ihrer Umgebung sowie die Stimmung der Heian-Periode (794-1185) einzufangen.

Der Verlag schreibt dazu: "Sei Shonagons 'Telegramme' (...) gewähren tiefe Einblicke in das Japan der Heian-Zeit wie auch ins Seelenleben der Verfasserin selbst. Ihr radikal subjektives Bekenntnisbuch, (...), bezaubert durch seinen klaren, ungekünstelten Ton. Freizügig stellt hier eine kluge, selbstbewusste Frau Weltbewegendes neben scheinbar Banales, spricht über Mode oder Galanterie und entlarvt mit spitzer Feder das Intrigenspiel bei Hofe. Aus kritischer Halbdistanz zu den Mächtigen zeigt sie das Treiben einer müßiggängerischen Feudalkaste, die sich ihre Zeit mit Kalligraphie, Flötenspiel oder Fußball vertreibt. (...) Auch vor tausend Jahren gab es sie schon, die eitlen Parvenüs und Bonzen, Trendsetter und Stilikonen, Ästheten und Fashion-Victims." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Das "Kopfkissenbuch" gilt als Meilenstein in der japanischen Literatur. Sei Shonagon, Hofdame am japanischen Kaiserhof während der Heian-Zei und die "Autorin", ist mit diesem Werk ein Meisterwerk gelungen. Dieses kommt in der Ausgabe des Manesse Verlages auf schönste Weise zur Geltung. Man traut sich kaum, die Klarsichtfolie zu entfernen. Lieber betrachtet man das Buch aus der Ferne. So ein Schmuckstück sollte in keinem Bücherregal fehlen. Und wenn dieses Schmuckstück dann auch noch inhaltlich absolut überzeugt, ist die Begeisterung beim Leser schier grenzenlos. Und genau das ist hier definitiv der Fall. Ein "Tagebuch" wie das vorliegende wird man wohl nur einmal in seinem Leben in der Hand halten dürfen. Danke dafür an die Verfasserin und dem herausgegebenen Verlag!

Ein Lesevergnügen, das textlich als auch visuell vollkommen überzeugt - Das "Kopfkissenbuch" vermag einfach alles in den Schatten zu stellen. In knapp 400 Seiten unternimmt man eine poetische Zeitreise an den japanischen Kaiserhof des Jahres 1000. Und am letzten Satz angekommen, ist man traurig, dass diese viel zu schnell endet. Sei Shonagon lädt ihre Leser zum Verweilen ein. Sie sorgt für Unterhaltung, die einen schmunzeln lässt und auch zum Weinen bringt.

Susann Fleischer
14.12.2015

 
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Das Buch:

Sei Shonagon: Kopfkissenbuch. Aus dem Japanischen von Michael Stein

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Mnchen: Manesse Verlag 2015
384 S., 59,95
ISBN: 978-3-7175-2314-7

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