Briefliteratur & Tagebuch

Erinnerungen an eine Berlinreise

Berlin ist stets eine Reise wert. Zu dieser und weiterer Erkenntnisse kommt man, wenn man Hanns-Josef Ortheils "Die Berlinreise" zur Hand nimmt und zu lesen beginnt. Es sind die Erinnerungen eines zwölfjährigen Jungen, die zwischen zwei Buchdeckeln für die Ewigkeit festgehalten sind. Erstaunlich dabei: Diese sind dermaßen detailliert, dass vor dem inneren Auge regelrecht ein Film abläuft, während man jene Orte besucht, an denen Ortheils Eltern als junges Paar während des Zweiten Weltkrieges gelebt haben - und das in einer Sprach- und Bildgewalt, die an die großer Schriftsteller des letzten Jahrhunderts (Thomas Mann, Heinrich Böll ("Irisches Tagebuch") oder Max Frisch) heranreicht, insbesondere auch, was das Lesevergnügen betrifft.

Ein Kölsche Bub von zwölf Jahren fährt mit seinem Vater für gut eine Woche nach Berlin. Schon bald wird die "Berlinreise" zu einer Reise in die Gegenwart des Kalten Krieges und in die Vergangenheit des Zweiten Weltkrieges. Die Mutter ist im Herzen dabei. Ihr berichtet der Junge auf Postkarten von den vielen Erlebnissen, von den Erkundungstouren und was er und sein Vater so alles gesehen haben - so auch von einem Ausflug nach Ostberlin. Hanns-Josef bekommt für wenige Stunden einen Einblick in das DDR-Leben und beginnt zu verstehen, wie schwer es die Menschen auf beiden Seiten der Mauer haben. Die Reise führt Vater und Sohn näher zueinander und lässt sie erkennen, dass das Leben oftmals ein Abenteuer ist. Sich diesem zu stellen, ist die große Herausforderung ...

Hanns-Josef Ortheil macht selbst ein Reisetagebuch zu einem Hochgenuss für alle Sinne. "Die Berlinreise" unterhält mindestens so gut und fesselnd wie die Romane des deutschen Autors. Ab der ersten Seite fühlt man sich in das Berlin des Frühjahrs 1964 zurückversetzt und wandelt mit dem zwölfjährigen Hanns-Josef durch die geteilte Stadt. Es ist beinahe, als wäre man tatsächlich dabei, wenn Vater und Sohn durch die Berliner Straßen laufen und Erinnerungen nachjagen. Und nicht nur das: Ortheil schreibt Bücher von hoher Intensität und voller Emotionen. Auch hier gelingt ihm ein literarisches Meisterwerk, von dem eine geradezu berauschende Wirkung ausgeht. Bei der Lektüre wird einem ganz schwindelig von so viel Leseglück. Absolute Extraklasse!

Bei der Lektüre von Hanns-Josef Ortheils Geschichten droht einen das Herz zu brechen. Hier findet man nämlich große Gefühle auf jeder einzelnen Seite. "Die Berlinreise" gehört zu den Werken, die unbedingt in jedes Bücherregal gehören. Die Worte des deutschen Autors sind von unvergleichlicher Schönheit. Nur ein Wermutstropfen bleibt: Das vorliegende Buch ist leider viel zu schnell durchgelesen.

Susann Fleischer
15.12.2014

 
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Das Buch:

Hanns-Josef Ortheil: Die Berlinreise

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Mnchen: Luchterhand Literaturverlag 2014
288 S., 16,99
ISBN: 978-3-630-87430-2

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