Briefliteratur & Tagebuch

Zwischen Hoffen und Bangen

Die 1940 in Frankenthal/Pfalz geborene und seit 1967 in North Carolina lebende Autorin legt nach zahlreichen Veröffentlichungen in Amerika, wo die ersten erschienenen Briefe an einen Kriegsgefangenen auf große Resonanz gestoßen sind, diese 2010 in deutscher Sprache vor.

In den siebziger Jahren schenkten ihr die Eltern bei einem Deutschlandbesuch die Briefe, die sie seither gut verwahrt hatte. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes 2001 holte sie diese wieder hervor. Professor Jonathan Dembo, der damalige Leiter der Manuskript-Sammlung der East Carolina Universität, sah bei einem Besuch die Briefe und war fasziniert. So entstand die Idee ihrer Veröffentlichung in Buchform.

Die Eltern der Autorin heirateten 1934 in Deutschland. Als der Vater 1945 in französische Kriegsgefangenschaft kam, wurde er für vier Jahre von seiner Frau und den vier Kindern getrennt, eine für sie unendlich lange Zeit.

Das Buch enthält im ersten Teil den Briefwechsel der Eheleute von 1946 bis 1948 und im zweiten Teil mit der Autobiographie eines Kindes Reflexionen der Autorin auf ihre Kindheit. Dokumentarisch beigefügt sind im Anhang Kopien eines Originalbriefes und Aufstellungen über die Bombardierungen Frankenthals im Zweiten Weltkrieg.
Mit der Gefangenschaft des Vaters begann für die Familie eine harte Zeit voller Entbehrungen und Sehnsüchte, was in allen 38 Briefen eindringlich zum Ausdruck kommt.

Bereits im März 1946 hoffte der Vater auf baldige Entlassung und die Gattin klammerte sich in der großen Not immer wieder an diese Hoffnung. Seine tiefe Sehnsucht nach der Familie mit dem Wunsch nach dem Wiedersehen formuliert der Vater auch in einem Gedicht, das er im September 1946 an die Ehefrau schickt.

Die Mutter arbeitet beim Bauern und in ihrem neu angelegten Garten, um die Kinder ernähren zu können. Sie bewältigt ein unglaublich schweres Arbeitspensum, und es wird deutlich, dass nur die Hoffnung und die Liebe an den Ehemann sie aufrecht halten. Am schlimmsten sind die Weihnachtstage, denn drei Jahre lang musste die Familie diese Feiertage getrennt verleben. Als im Januar 1948 der Vater endlich vor der Tür steht, hält das Kind ihn für einen fremden Mann.

Die Autobiographie des Kindes unterstreicht, dass Gerda Nischan eine wunderbare Mutter hatte, die "alles zusammenhielt". Als Gerda Nischan 1946 eingeschult wird, stellte sich schnell heraus, dass das Lesen und Schreiben ihre Leidenschaft ist. So wurde schon in früher Kindheit der Grundstein für das schriftstellerische Schaffen der Autorin gelegt.

Gerda Nischan hat das Leben ihrer Eltern verinnerlicht, wenn sie sagt "Habe keine Angst vor dem Leben und mache das Beste daraus" und darin ihre Botschaft sieht, der sie mit diesem Buch vollauf gerecht wird.

Dr. Helga Miesch
02.12.2014

 
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Das Buch:

Gerda Nischan: Letters to a Prisoner of War

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Frankfurt: August von Goethe Literaturverlag 2014
78 S., 11,80
ISBN: 978-3-8372-1577-9

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