Briefliteratur & Tagebuch

Eine "Enzyklopdie des Lebens" der Familie Tolstoj

50 Jahre Ehe und Liebe verbinden Lew Tolstoj und Sofja Tolstaja, die im Laufe der Zeit so einige Höhen und Tiefen erleben durften. Die Gefühle, die sie füreinander empfunden haben, sind in ihren Briefen für die Nachwelt erhalten geblieben. Sie sind der Spiegel ihrer Zeit und der Gesellschaft, deren Zwängen sie verzweifelt versucht haben zu entkommen. Ihr langsames Scheitern kann man in "Eine Ehe in Briefen" genauestens verfolgen. Doch nicht nur ihr Leben spielt in diesem dramatischen Schriftwechsel eine Rolle. Zur Sprache kommen die Politik, der christliche Glaube und Tolstojs Jahrhundertwerke "Krieg und Frieden", "Anna Karena" und "Die Kreutzersonate". Das ist Literatur, die geradezu magisch und deshalb anziehend auf den Leser wirkt.

Sechzehn Lebensjahre trennen Lew Tolstoj und das Mädchen Sofja Andrejewna Behrs, als er ihr einen Monat nach dem Kennenlernen einen Heiratsantrag macht. Eine Woche später sind sie bereits verheiratet und ziehen auf das Gut Jasnaja Poljana. Als gute Ehefrau stellt Sofja ihre eigenen Bedürfnisse hintenan und fügt sich den Wünschen ihres Mannes. Die ersten Ehejahre sind geprägt von Liebe und Leidenschaft, die in den Briefen eindrucksvoll zum Ausdruck kommt. Doch ihre erste Krise bewirkt einen Umschwung in der Art, wie sie miteinander umgehen, und in dem, was sie sich nun schreiben. Die Gefühle treten in den Hintergrund, um dem öffentlichen Leben größerem Platz einzuräumen. Bewegend und voller Authentizität sind die einzelnen Schriftstücke, die sich lesen wie ein packender Roman und beim Rezipienten die Realität für kurze Momente auszublenden vermögen.

Lew Tolstoj und seine Frau Sofja Tolstaja sind großartige Schriftsteller, die aus einem Briefwechsel ein absolutes Highlight für den Leser von heute machen. Hier findet sich alles, was sonst einen guten Roman ausmacht: Drama, Spannung und explosive Gesprächsthemen, die ein Spiegel für die Nähe und Distanz des Ehepaares sind. Ihre "Gespräche" sind geprägt von Liebe und Hass, Freude und Leid und fesseln den Leser eins ums andere Mal. Dieses Buch ist ein bewegendes wie erschütterndes Zeugnis einer großen und zugleich schwierigen Liebe und weiß das Herz zu berühren. Das ist Literatur, der man sich gerne immer wieder hingibt, um in den Erinnerungen zweier grundverschiedener Menschen zu schwelgen und Wissenswertes für das eigene Leben mitzunehmen.

Susann Fleischer
17.10.2011

 
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Das Buch:

Lew Tolstoj, Sofja Tolstaja: Eine Ehe in Briefen. Aus dem Russischen von Ursula Keller und Natalja Sharandak

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Berlin: Insel Verlag 2011
493 S., 12,95
ISBN: 978-3-458-35786-5

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