Briefliteratur & Tagebuch
Kellner-Tagebücher: Der Alltag unterm Hakenkreuz
Er war nur ein unbedeutender Justizbeamter in einer hessischen Kleinstadt. Doch Friedrich Kellner hinterließ der Nachwelt ein einzigartiges Dokument. In seinen Tagebüchern entlarvte er die verlogene Nazi-Propaganda. Jetzt endlich werden sie publiziert.
Er sah sich als "Prediger in der Wüste" in "nervenzerrüttender Zeit", seine kritischen Tagebuchaufzeichnungen waren für ihn ein Akt des Widerstands. Friedrich Kellner (1885-1970), Justizbeamter aus dem oberhessischen Laubach, hat der Nachwelt ein einzigartiges historisches Dokument über den Alltag im Nationalsozialismus hinterlassen. Unter dem Titel "Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne" sind die Tagebücher aus Deutschlands dunkelster Zeit jetzt in zwei Bänden im Göttinger Wallstein Verlag erschienen. Ihrer Publikation ging eine jahrzehntelange Odyssee voraus.
In zehn Kladden dokumentierte Kellner während des Zweiten Weltkrieges den Alltag unter dem Hakenkreuz. So erleichterte der erklärte Regime-Gegner sein Herz. Denn die Nazis bespitzelten ihn hartnäckig und suchten nach Beweisen, ihn ins KZ zu sperren. In seinen Tagebüchern hielt Kellner mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. "Der anständige Deutsche hat kaum mehr den Mut, überhaupt zu denken, geschweige denn zu sprechen", klagte er. "Das ist dein Werk, Propagandaminister! Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne."
Neben vielen kritischen Kommentaren Kellners enthalten die Tagebücher auch Propagandaartikel aus Tageszeitungen. Lustvoll konfrontierte der Autor so die beschönigende Nazi-Propaganda mit der rauen Kriegswirklichkeit. Ganz besonders wichtig waren Kellner auch spontane Bemerkungen seiner Mitbürger zum aktuellen Zeitgeschehen, die er akribisch festhielt. Gerade dadurch erhalten seine Tagebücher einen unmittelbaren, sehr lebendigen Charakter. Er schaute dem Volk aufs Maul. Die führer- und kriegsgläubigen Kommentare der Zeitgenossen sind auch für den heutigen Leser mehr als deprimierend.
Man versteht die fortwährenden Klagen des Autors über die Verblendung des deutschen Volkes: "Ein Volk lässt sich eine Idee eintrichtern, einhämmern, folgt borniert jedem Wink, lässt sich treten, quälen, schikanieren, aussaugen und muss obendrein unter sadistischer Kontrolle 'Heil Hitler!' rufen. Da kann man nur tiefe Trauer in seinem Herzen empfinden über ein solches Zeitalter und über die Schafsgeduld eines ganzen Volkes."
Im Gegensatz zu der Mehrheit der "Volksgenossen" erkennt er nicht nur mit bewundernswerter Klarsicht schon im Taumel der Blitzsiege die künftige totale Niederlage, er benennt auch die Verbrechen des Regimes. So findet sich unter dem 28. Oktober 1941 ein bemerkenswerter Eintrag über Juden-Erschießungen in Polen. Ein Soldat auf Heimaturlaub hatte ihm davon berichtet. Sein Kommentar: "Es gibt keine Strafe, die hart genug wäre, bei diesen Nazi-Bestien angewendet zu werden."
Von Anfang an waren Kellners Aufzeichnungen für die Nachwelt bestimmt. "Der Sinn meiner Niederschrift ist der, augenblickliche Stimmungsbilder aus meiner Umgebung festzuhalten, damit eine spätere Zeit nicht in die Versuchung kommt, ein 'großes Geschehen' daraus zu rekonstruieren (eine heroische Zeit oder dergleichen)." Doch fast wären der Nachwelt diese wertvollen Aufzeichnungen verloren gegangen.
Während des Krieges hatte Kellner seine Notizen im Geheimfach eines Schranks versteckt und gerettet. Doch später war der überzeugte Sozialdemokrat enttäuscht über die Bundesrepublik. Seiner Ansicht nach rechnete die junge Demokratie nicht streng genug mit der Nazi-Vergangenheit ab. Deshalb wollte Kellner seine Tagebücher verbrennen.
Durch eine glückliche Fügung tauchte unvermittelt sein Enkel aus den USA auf, der sich für die Vergangenheit des Großvaters interessierte. Kurz vor seinem Tod gab Kellner dem Enkel das Vermächtnis mit auf den Weg, die Tagebücher zu veröffentlichen. Für Robert Martin Scott Kellner wurde dies zur Lebensaufgabe. Über Jahrzehnte versuchte er vergeblich, US-amerikanische und deutsche Verlage dafür zu interessieren. Dann fand er in dem früheren US-Präsidenten George Bush senior einen prominenten Unterstützer.
Im Jahr 2005 wurden die Tagebücher mit Fotos und Erinnerungsstücken in einer Ausstellung in den USA zum 60. Jahrestag des Kriegsendes gezeigt. Endlich wurden Presse und Wissenschaft auf das ungewöhnliche Zeitdokument aufmerksam. Kellners Wunsch, den "Nachkommen ein Bild der wahren Wirklichkeit zu übermitteln", sollte doch noch erfüllt werden.
Sibylle Peine, dpa
19.09.2011







