Briefliteratur & Tagebuch

Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ

Er schilderte das süße Leben am Hofe von Versailles, aber ebenso das elende Sterben eines Königs. Das alte Frankreich vor Ausbruch der Revolution fand keinen großartigeren Chronisten als Herzog Emmanuel von Croÿ. 

Er war Aristokrat, Weltbürger, Höfling. Stilsicher bewegte sich Herzog Emmanuel von Croÿ (1718-1784) in der überzüchteten Welt des Versailler Hofes. Doch als Intellektueller ging sein Blick weit darüber hinaus. Er traf Monarchen, Mätressen und Minister, doch ebenso Wissenschaftler, Freigeister, Aufrührer. Süße und Eleganz des hochadligen Lebens vor der Revolution kannten keinen dankbareren Chronisten als ihn: "Alles bezauberte mich, nie war es herrlicher zu leben." 

Doch bei aller Begeisterung übersah er keineswegs die ersten Anzeichen drohenden Untergangs: Nur fünf Jahre nach dem Tod des Herzogs brach die Französische Revolution aus. So sind die eigentlich nur privat gedachten Aufzeichnungen von Croÿs heute zu einem wertvollen Dokument über das Ancien Régime geworden. Der C.H. Beck Verlag hat sie jetzt in einer deutschsprachigen Edition vorgelegt. 

Der Herzog wurde 1718 geboren. Seine Familie gehörte zum französischen Hochadel. Politisch entmachtet, frönte dieser einem sinnentleerten Hofschranzendasein. Alle Energie wurde auf die Jagd nach Pöstchen und der Gunst des Königs verwandt. Auch von Croÿ entging diesem Schicksal nicht. Seine Tagebücher geben einen eindrucksvollen Einblick in eine Welt voller Intrigen, Affären und Ranküne, die sich hinter der prächtigen Kulisse des Versailler Schlosses auftat. Obwohl es um die Staatsfinanzen bereits miserabel bestellt war, leistete man sich ruinöse Feste wie etwa die Hochzeit des Thronfolgers, des späteren Ludwig XVI.. 

Die Öffentlichkeit, so der überraschende Kommentar von Croÿs, hätte zwar gerne Einsparungen gesehen, "aber bei genauerer Betrachtung war klar, dass eine Million weniger Ausgaben eher schaden und angesichts der fünfzig Millionen Schulden nichts ausrichten würden. Dieses eingesparte Fünfzigstel hätte die gesamte Umgebung des Königs aufjammern lassen, den Glanz der Monarchie gemindert und das Ausland glauben lassen, wir wären am Ende." 

Zu den Glanzlichtern des Tagebuchs gehört die Schilderung von Begegnungen mit berühmten Zeitgenossen. 1779 traf von Croÿ den US-amerikanischen Politiker und Erfinder Benjamin Franklin, der damals in Paris lebte. Mit Erstaunen und heimlicher Bewunderung registrierte von Croÿ den kargen Lebensstil des Amerikaners, der in so krassem Gegensatz zur Prasserei des Hofes stand. Ungläubig notierte der verwöhnte Aristokrat, dass das Essen im Hause Franklin nur aus einem Gang bestand. Auch mit Worten war der Amerikaner äußerst sparsam. "Geht in Ordnung" war das einzige, was er auf eine weitschweifige Ausführung des Herzogs erwiderte. Knapper als diese "wundervolle Lakonie", wie der Autor es nennt, ist wohl nur noch das moderne "Okay". 

Zu den Geistesgrößen seiner Zeit, den Philosophen Rousseau und Voltaire, hatte der Herzog eine zwar wohlwollende, aber keineswegs unkritische Haltung. Über den großen Rousseau notierte er indigniert, dass er seine Frau wie seine Dienerin behandele. Voltaire bezeichnete er als einen "furiosen Greis" und Hypochonder, der sich hauptsächlich von "Kaffee und Verseschmieden" ernähre. Voltaires Tod und Beisetzung gehören zu den kuriosesten Passagen des ganzen Tagebuchs. Da die Obrigkeit einen Aufruhr befürchtete, versuchte sie, das Ableben des gotteslästerlichen Philosophen so lang wie möglich zu verbergen. 

Heimlich wurde der Leichnam "zu einer Mumie hergerichtet" und "mit Duftkräutern gefüllt, dann setzte man ihm eine Nachtmütze auf und zog ihm einen Hausmantel an. Er wurde in eine große Berline gelegt und festgebunden". Bei Nacht und Nebel setzte man so einen der größten Männer seiner Zeit bei. 

Schauerlich ist die Schilderung von Krankheit und Sterben Ludwigs XV., des "Vielgeliebten". Der französische König, in den Augen von Croÿs angeblich der schönste Mann seiner Zeit, endete von den Pocken schwer entstellt, sein Kopf war "eiterkrustig, wie verkupfert und riesig". Der tragische Tod des Königs erscheint wie ein Menetekel für den Untergang eines ganzen Zeitalters. 

Sibylle Peine, dpa 
09.01.2012

 
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Das Buch:

Hans Pleschinski (Hg.):
Nie war es herrlicher zu leben. Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ 1718-1784

Bild: Buchcover Hans Pleschinski (Hg.), Nie war es herrlicher zu leben. Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ 1718-1784

München: C.H. Beck Verlag 2011
432 S., € 24,95 Euro
ISBN: 978-3-406-62170-3

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